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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Zu Protokoll (IV)

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Nein, eine sensationelle Einsicht ist es gewiß nicht, auf die der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer in einem Anfang des Jahres in der Wiener Zeitung erschienenem Interview zu sprechen kam. Sehr verbreitet scheint sie bei seinesgleichen heute allerdings nicht mehr zu sein, wenn man sich vor Augen führt, wie weitgehend die Philologie inzwischen aus den Literaturwissenschaften entfernt und durch Cultural Studies ersetzt wurde. Neben hochfliegenden Thesen zum »Erscheinungsmodus des Gottes Dionysos« (Anlaß des Gesprächs ist Bohrers jüngstes Buch) erinnerte er sich:

Ich habe als Literaturkritiker begonnen und war nach meiner Promotion von der Literaturwissenschaft sehr enttäuscht. Der Grund war, dass sie an verschiedenen Themen der Literatur interessiert war, nicht aber an der Literatur selbst. Worüber man sprach – ob das Schiller oder Goethe war – es lief darauf hinaus, Ideenreferate vorzulegen, die sich auf den Sinngehalt der Dichtungen bezogen. Mir wurde jedoch bald klar – schon lange bevor die Dekonstruktion einsetzte -, dass Gedichte nicht aus Ideen bestehen, sondern aus Wörtern. Die Einsicht fand ich bei Mallarmé, der sie auf die Lyrik bezog, und sie schlug bei mir wie ein Blitz ein. Diese Einsicht habe ich auch für die literarische Prosa übernommen. Man kann sie nur adäquat erfassen, wenn man sich auf ihre Kohärenz, ihre spezifische Lautlichkeit und ihre geistige Metaphorik einlässt und sie nicht als eine Abbildung der Wirklichkeit versteht. Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Einsicht formuliert, dass die erhaben-pathetische Dichtung – für mich ein Synonym für große, relevante Dichtung – sich nicht auf mimetische Beschreibungen der Wirklichkeit reduzieren lässt.

Für die Versenkung

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Es gibt ihn noch, den literarischen Underground – wenn auch nicht unbedingt immer dort, wo irgendwelche Kneipenrebellen sich dafür halten. Otfried Rautenbach freilich darf für sich beanspruchen, mit PФRART, der »Zeitschrift für die Versenkung«, tatsächlich so etwas wie literarische Gegenöffentlichkeit zu organisieren. Die in seinem Heidelberger Verlag für Privatdrucke im 8. Jahrgang erscheinenden Hefte halten noch immer die Copy-Shop-Ästhetik hoch, welche die allermeisten Literaturzeitschriften bis in die neunziger Jahre prägte. Das ist erfrischend angesichts der vielen perfekt und glatt daherkommenden Zeitschriften, die selten so etwas wie ein inhaltliches Anliegen haben. Als Verleger erwarb Rautenbach sich schon in den sechziger Jahren mit dem Verlag Hagar große Verdienste. Dort erschienen Texte und Partituren u.a. von Schuldt und Michael von Biel, auch Gunter Falks Début Der Pfau ist ein stolzes Tier.

Im aktuellen Heft 14 hat Rautenbach Falks »Aufwartung« nachgedruckt – einen Text, der ausschließlich aus comicartigen Ausrufen wie »schnarch«, »poch«, »schmatz« und »quietsch« besteht. Er bringt aber auch Arbeiten von Peter Engstler, Andreas Hansen und Florian Neuner. Und wenn man in der »Zeitschrift für die Versenkung« auch auf IDIOME-Autoren wie Jörg Burkhard, Bert Papenfuß und Jürgen Schneider trifft, dann ist das kein Zufall.

PФRART ist für 2.–€ erhältlich im Verlag der Privatdrucke von Otfried Rautenbach, Handschuhsheimer Landstr. 92 B, 69121 Heidelberg.

Bücher des Jahres (IV): Elisabeth Wandeler-Deck

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Das neue Buch der Schweizer Sprachkünstlerin Elisabeth Wandeler-Deck, die mit einem Werkstattgespräch und zwei Prosatexten im Mittelpunkt der 8. Ausgabe der IDIOME steht, trägt den geheimnisvollen Titel Das Heimweh der Meeresschildkröten – die Autorin zögerte, wie sie selbst berichtet, und fand ihn dann doch unausweichlich. Wandeler-Decks autoreflexive Prosa überläßt sich durchaus der Eigenbewegung der Sprache. Und dennoch gibt es auch immer so etwas wie einen Widerpart zu diesem sprachimmanenten Ansatz, den man vielleicht als thematisch oder inhaltlich bezeichnen könnte – eine Fragestellung von außerhalb der Literatur, so etwas wie ein Forschungsinteresse. Im Falle ihres neuen Prosabandes standen ein Aufenthalt im niederösterreichischen Krems und ein daraus resultierendes Interesse am Donauraum ebenso Pate wie eine Oper von Annette Schmucki, der Widmungsträgerin des Buches, durch die Wandeler-Decks Leidenschaft für die Figur der Diva geweckt wurde. In den IDIOMEN Nr. 6 bereits konnten Leser Eindrücke von diesem »Donau-Diven-Projekt« gewinnen, aus dem 2015 ein Buch wurde. Zu ihrer Arbeitsweise sagte Elisabeth Wandeler-Deck im Werkstattgespräch:

Für die letzten zwei oder drei Prosabände habe ich Alphabete als Notizdateien angelegt. Ich verwende sehr verschieden geartete Notizdateien. Beim letzten Prosaband, beim vorletzten auch, habe ich Alphabete gemacht, Stichworte, wie wenn’s für ein Lexikon wäre – Wortmaterial, Satzmaterial, Wortfragmente, ganze Textversuche, aber auch Lexikalisches. Und das ergibt dann auch so ein Hin und Her am Text, der dann Text für das Buch wird oder für den kleineren Text, der sonstwo publiziert wird. Dieses Weitertreiben der Notizdatei – das werden eigentlich auch eigene literarische Formen , die ich einfach nie bis zur Publikationsreife weitergetrieben habe … Ansätze oder Anfänge, und bei den »Diven« sind das Stimme und Körper oder auch Sätze von Diven oder Donau-Sätze, weil die Donau vorkommt, ganz andere Arten von Stichwörtern. Vielleicht ist es bei der improvisierten Musik ähnlich.

Bücher des Jahres (III): Sebastian Kiefer

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Ulrich Schlotmanns 2009 erschienenes opus magnum Die Freuden der Jagd ist eines der faszinierendsten Sprachkunstwerke vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Die IDIOME haben nicht nur die Entstehung dieses Textes begleitet, in dem mit einem ganzen Universum an sprachlichen Schablonen und Sprechhaltungen das Thema Männlichkeitskonstruktionen umkreist wird. Auch wurden in den »Heften für Neue Prosa« Versuche gemacht, die Rezeption  dieses Hauptwerks zeitgenössischer reflexiver Prosa voranzutreiben. So waren in Heft 3 Notizen zur Schlotmann-Lektüre von Ann Cotten zu lesen, in Heft 7 folgte ein Essay von Sebastian Kiefer mit dem Titel »Der heitere Untergang des Erzählers im übermächtigen Material«. Dort heißt es über Schlotmanns Text:

Alles ist fantastisch bunt und zugleich nihilistisch zerbröselt. Es ist eine Welt der überbordenden Sinnfülle und naturhaften Lebensvielfalt der Redeweisen – aber auch eine Welt, in der papageienhaftes Dauerplap- pern jeden klaren Gedanken erstickt. Eine schier unbegrenzte Verfügungskraft über die Totalität des Materials ist am Werke, zugleich ist die Sprechproduktion ohnmächtig der Materialübermacht ausgesetzt. Das seiner welt- und stoffbeherrschenden Ordnungssouveränität (scheinbar) beraubte Produktions-Ich jauchzt, während es erschlagen oder dissoziiert wird, und lechzt nach mehr Material, nach tieferer Verstrickung. Die textdefinierte Produktionsinstanz badet mit kindlichem Genuß in der Materialmenge und irrt zugleich zwanghaft umher zwischen auftauchenden, aufgelesenen und einschießenden Sprachfetzen, Tönen, Nachklängen, Brechungen, Verbalmüll, weil es sich gleichsam ganz ›unvernünftig‹ das Leben schwer macht in seiner obsessiven Fixierung auf Zweitverwertung. Wiewohl jede poetologische Frage wird auch diese Rolle der Zweitverwertung im Text selbst in verschiedenen Varianten durchgespielt, teils in lustvoller Imitation von »theoretischer Selbstreflexion«, teils camoufliert und wortkabarettistisch.

Vom Umfang schon damals kaum zu bändigen und auf Zeitschriftenlänge zurechtzukürzen, wuchs sich Kiefers Schlotmann-Lektüre schließlich zu einem eigenen Buch aus – zu einer der raren Studien über ein Werk avancierter Prosa, dessen Erscheinen im Aisthesis Verlag unter dem Titel »Der Mann der in den Wald (hinein)geht …« in diesem Jahr begrüßt werden durfte.

Bücher des Jahres (II): Sabine Hassinger

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Mit Sabine Hassingers Die Taten und Laute des Tages ist im Klever Verlag eine »Prosakomposition« erschienen, die auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie mit einer reflexiven, klanglich und rhythmisch höchst kunstvoll gearbeiteten Prosa ein vielschichtiger Erzählzusammenhang adäquat gestaltet werden kann. Eine Vielzahl von Fäden entwickelt sich aus- und läuft ineinander, mehrere Perspektiven werden stets offen und präsent gehalten. Der Komplexität des »Beziehungsgeflechts« entspricht eine ebensolche sprachliche und erzählerische. In Heft 7 der IDIOME war im vergangenen Jahr ein Abschnitt aus Die Taten und Laute des Tages abgedruckt, den ich im Editorial wie folgt ankündigte – und dabei darauf hinweisen mußte, wie unglücklich die Rezeption dieses Prosaprojekts bisher sich abgespielt hatte:

Sabine Hassinger schlug eine fast beängstigende Welle an Unverständnis und Herablassung entgegen, als sie auf dem Klagenfurter Bachmann-Podium 2012 aus ihrem umfangreichen Prosa-Manuskript Die Taten und Laute des Tages las, das ausszugsweise in den IDIOMEN vorstellen zu können ich mich sehr freue. Es handelt sich um einen vielstimmigen Text, in dem mehrere narrative Ebenen kunstvoll und ohne aufdringlichen roten Faden ineinander geführt werden. In den achtziger Jahren hätte ein Literaturkritiker damit wahrscheinlich noch umgehen können. In Klagenfurt aber fiel einer der unsäglichen Jurorinnen zu dieser Prosa gleich die Literatur von Patienten des Landeskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Gugging ein, während eine Kollegin vom »Zeitmanagement« faselte, das es ihr nicht erlaube, sich mit komplizierter Literatur überhaupt erst zu befassen. Was hätte die versammelte Inkompetenz wohl gesagt, wenn Ingeborg Bachmann in der von ihr gehaßten Stadt aus Malina gelesen hätte?

Daß aus dem Manuskript ein Jahr später ein so lesen- und empfehlenswertes Buch werden konnte, erfreut!

Bücher des Jahres (I): Walter Pilar

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Zu den reizvollsten Aufgaben von Literaturzeitschriften zählt es zweifellos, literarische Großprojekte in ihrer Genese zu begleiten. Zu den eigensinnigsten darf man gegenwärtig Walter Pilars Lebenssee rechnen. Sebastian Kiefer spricht in seiner Rezension zutreffend davon, daß Pilar in seinem mehrbändigen »autoautopsischen Biograffäweak« sprachlich in Szene setzt, »wovon der Literaturbetrieb nur konsequenzlos redet – die Pluralisierung der schreibenden Zugänge zur Welt als Herausforderung anzunehmen. In 100 gewitzten Brechungen wird noch einmal ein Abglanz des Ganzen sichtbar.« Pilar hat erkannt, daß ein autobiographisches Projekt wie seines nach den Erfahrungen der Moderne nicht mehr mit den Roman-Mitteln des 19. Jahrhunderts umgesetzt werden kann (bzw. dann eben die ästhetische Irrelevanz eines solchen Textes zur Folge hätte) – und zieht auch in der »3. Welle« geradezu wahnwitzig viele Register, von in der Tradition der konkreten Poesie stehenden Texten und die Dialekte des Salzkammerguts aufnehmenden Lautdichtungen bis hin zu Verfahren der dokumentarischen Literatur.

Als ich Walter Pilar Anfang 2014 in seiner Lebenssee-Werkstatt in Linz besuchte, gab er tiefere und ehrlichere Einblicke in seine Arbeit, als man das gemeinhin erwarten darf. Das Material war noch in Bewegung, und längst nicht waren alle Fragen geklärt. Zur Vielfalt der Formen und Heterogenität der Materialien äußerte sich Pilar in dem in Heft 7 der IDIOME abgedruckten Werkstatgespräch wie folgt:

Welt kommt ja so daher! Es ist doch ungeheuer, was auf der Welt sich ereignet, was produziert wird, was alles in den Medien über ihre eigene, oft selbstverblendete Sicht der Welt so erscheint! Selbst innerhalb dieser regionalen Einheiten ist es ungeheuer bunt, was alles so daherflunkert und dahinflimmert. Da gibt es manchmal sprachliche oder visuelle Perlen von beeindruckender Originalität, und solche kommen auch vor, wenn sie in einen Erzählzusammenhang passen.

Im Frühjahr 2015 ist nun der 3. Lebenssee-Band erschienen – nicht gerade unbeachtet, aber doch weitaus weniger, als es einer Prosa-Großtat dieses Ranges zukäme.

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Im Editorial der IDIOME Nr. 8 schrieb ich, daß die dort publizierten Auszüge aus dem Konvolut »bauelemente zu dr. v. h.« der bislang publizierten Prosa Gunter Falks eine neue Facette hinzufügen würde – das träfe auch zu, wäre der Autor dieses Textes tatsächlich Gunter Falk. Zwar firmiert besagtes Konvolut im Österreichischen Literaturarchiv als Text Falks, sein Autor ist aber in Wahrheit Max Riccabona, mit dem Falk in brieflichem Austausch stand. Ich verdanke diesen Hinweis Paul Pechmann. Ich hätte das auch selbst wissen können, mißtrauisch werden müssen; im Weg stand mir dabei gewiß auch Autoritätsgläubigkeit einer Institution wie dem Österreichischen Literaturarchiv gegenüber, wo Falks Nachlaß seit 1999 als »aufgearbeitet« gilt und wo anscheinend niemand auf die Idee kam, daß diese Texte einen anderen Autor haben könnten. Während ich mir eingestehen muß, Gunter Falk bei meinen Bemühungen, seinem Nachruhm etwas nachzuhelfen, einen Bärendienst erwiesen zu haben, bleibt immerhin die Hoffnung, geneigte Leser könnten sich für das Werk beider viel zu wenig beachteter Autoren interessieren lassen.

Waltraud Seidlhofer zum 75. Geburtstag

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Waltraud Seidlhofer zählt zu den Autorinnen, die bereits in der allerersten Ausgabe der IDIOME vetreten waren und die Zeitschrift seither begleiten. Die 1939 in Linz geborene Schriftstellerin ist von der österreichischen Spielart der literarischen Neoavantgarde, der Wiener Gruppe und ihrem Umfeld, ebenso geprägt worden wie vom Nouveau Roman. In Heimrad Bäckers legendärer Linzer edition neue texte, damals eines der wichtigsten Foren für die deutschsprachige Avantgarde, veröffentlichte sie die Bände fassadentexte und geometrie einer landschaft. Ihr späteres Werk ist über diverse Kleinverlage verstreut, so erschienen in Christian Steinbachers Blattwerk Verlag in den neunziger Jahren ihr Prosa-Hauptwerk text: ein erinnern und ein Band mit ausgewählter Lyrik, der den schönen Titel anstelle von briefen trägt. Im Klever Verlag ist 2012 ihre Prosaarbeit Singapur oder Der Lauf der Dinge herausgekommen.

Als Lisa Spalt und ich für die 1. Ausgabe der IDIOME eine kleine Umfrage unter den Autorinnen und Autoren veranstalteten und sie den Satz „Prosa ist …“ vervollständigen ließen, bekamen wir die vielleicht schönste Antwort von Waltraud Seidlhofer:

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Im vergangenen Jahr war Waltraud Seidlhofer zu Gast in Berlin, wo sie am 30. April an der alljährlichen IDIOME-Veranstaltung in der Kulturspelunke Rumbalotte Continua teilnahm. Sie las dort ihren Text „wie ein fliessen die stadt“, der in Heft Nr. 6 abgedruckt ist und für ihre jahrzehntelange Beschäftigung mit Urbanistik und Architektur steht.

 

Gratulieren darf man Waltraud Seidlhofer heute nicht nur zu ihrem Geburtstag, sondern auch zum Georg Trakl Preis, den sie am 4. Dezember in Salzburg entgegennehmen wird. Manchmal – selten genug – trifft es die Richtigen und sogar eine Autorin, der es ausschließlich um die Sache geht und nicht um Wichtigtuerei im Literaturbetrieb.

Blog, Block

 

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Wer längere Zeit in einem Blog nichts Neues bringt, kann schon ein schlechtes Gewissen bekommen. Auf wievieles hätte er schnell und unkompliziert reagieren können und hat es doch unterlassen? Dazu wurde dieser Blog doch eingerichtet! Andererseits liegt es angesichts der rezenten Auseinandersetzung mit Literatur in den Feuilletons und auf den maßgeblichen Podien sehr nahe, darauf mit resigniertem Achselzucken zu reagieren. Und bestätigt man nicht die »Wichtigkeit« dieser Wortführer, wenn man sich von ihnen die Themen vorgeben läßt und diese in Nischen und Foren diskutiert, die von ihnen nicht einmal ignoriert werden, zu ihrer weiteren Proliferation beiträgt? Im Editorial der aktuellen IDIOME schrieb ich:

Einmal mehr stellt sich angesichts des Niveaus solcher Debatten die Frage: Wo steigt man ein, wo besser wieder aus? Was identifiziert man als das mediale Dauerrauschen, das man – nunja, doch besser an sich vorbeirauschen läßt? Wo wird es eventuell gefährlich? Kann, ja möchte man eigentlich mit Leuten diskutieren, die Wolfgang Herrndorf für einen bedeutenden Schriftsteller halten und sich auf vielen Feuilleton-Seiten mit Helene Hegemann auseinandersetzen? Gescheiter ist es sicher, seine Zeit anders zu nutzen.

Allerdings – und das schmälert mein schlechtes Gewissen auch wieder: Nicht einmal der Suhrkamp Verlag mit seinen gewiß nicht unerheblichen personellen und sonstigen Kapazitäten, schafft es offensichtlich, aus seinem Blog, der den anmaßenden Namen Logbuch. Deutschsprachige Literatur heute trägt, ein lebendiges Forum zu machen. Und die Autorinnen und Autoren haben anscheinend auch keine Lust, posten oft nur unerhebliche digitale Schnappschüsse. Viel passiert jedenfalls nicht, Kommentare: Fehlanzeige. Aufmerksam wurde ich auf den Blog, weil mich ein Freund auf den prätentiösen Stuß hinwies, den Durs Grünbein dort in einem »Brief« über seinen Gedichtzyklus Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond deponiert hat. Man liest Sätze wie: »Die Figur des Cyrano wiederum ist dazu angetan, von Anfang an das Gefühl für das Phantastische zu nähren.« Grünbein vergißt auch nicht auf den Hinweis: »Man muß sich auch nicht unbedingt in die Geschichte der Mondforschung vertiefen.« Nein, dazu möchte ich wirklich nichts sagen.

 

Johann Holzkopf

Nun soll es also Rainald Goetz gerichtet und endlich „einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit“ (Spiegel online) geliefert, d. h. mit ästhetischen Mitteln von gestern die gegenwärtige „Krise“ begreifbar gemacht haben. Wie soll das aber gehen? Wenn man von dem regressiven Wunsch absieht, die Zeit ließe sich noch einmal in einen „großen“ Roman fassen wie weiland bei Dostojewskij, scheint es gar nicht so absurd, an den bayerischen Schriftsteller zu denken, denn Goetz hat in der Tat bemerkenswerte Prosa geschrieben – das liegt allerdings inzwischen Dezennien zurück. Später fiel er durch seine intellektuell äußerst anspruchslose Apologetik der Techno-Bewegung auf – „Jeden verstehe ich, mit allem bin ich einverstanden, alles ist toll“ –, in den „Nullerjahren“, die er nun offenbar mit klapperndem Romanhandwerk in den Griff zu bekommen versucht, verdingte er sich als Schreiber für ein „Hochglanzmagazin“. Damit war Goetz endgültig am „Nullpunkt der Literatur“ angekommen: „Reichts denn schon, so bisschen am Nachtleben rumzuforschen und davon zu berichten? Vielen nicht, mir schon.“

Die Tatsache, daß er in seiner Magazin-Zeit auf dem Journalisten-Ticket Pressekonferenzen besuchen und in Untersuchungsausschüssen herumsitzen konnte, sowie die Bekanntschaft mit dem einen oder anderen „Hauptstadt-Journalisten“ mögen Goetz zu dem Fehlschluß verleitet haben, dadurch exclusive Einblicke in Politik und Wirtschaft erlangt zu haben. Schon in Klage hatte er vom „Geheimnis der Politik“ schwadroniert, von dem „alle“, die Politiker eingeschlossen, so wenig wüßten. Dankenswerterweise hat der Verlag eine eigene Internet-Seite zur Bewerbung des Romans Johann Holtrop eingerichtet, auf der sich auch der Aufbau des Buchs und eine Liste mit den „Personen der Geschichte“ finden. Wie Goetz sein „repräsentatives“ Personal zusammenzimmert und mit teilweise „sprechenden“ Namen versieht – es gibt einen Spiegel-Ressortchef Angst, einen „Finanzimpressario“ Mack aus Hannover, einen Philosophen Bodenhausen und einen Lord Weyenfeldt – ist nämlich ein derartiger Krampf, daß man die Idee, das Buch zu lesen, endgültig verwirft. Man könnte die Liste allenfalls unter dem Titel Von der Unmöglichkeit, einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit zu schreiben veröffentlichen.

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