neue prosa

IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Monat: Oktober, 2012

Johann Holzkopf

Nun soll es also Rainald Goetz gerichtet und endlich „einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit“ (Spiegel online) geliefert, d. h. mit ästhetischen Mitteln von gestern die gegenwärtige „Krise“ begreifbar gemacht haben. Wie soll das aber gehen? Wenn man von dem regressiven Wunsch absieht, die Zeit ließe sich noch einmal in einen „großen“ Roman fassen wie weiland bei Dostojewskij, scheint es gar nicht so absurd, an den bayerischen Schriftsteller zu denken, denn Goetz hat in der Tat bemerkenswerte Prosa geschrieben – das liegt allerdings inzwischen Dezennien zurück. Später fiel er durch seine intellektuell äußerst anspruchslose Apologetik der Techno-Bewegung auf – „Jeden verstehe ich, mit allem bin ich einverstanden, alles ist toll“ –, in den „Nullerjahren“, die er nun offenbar mit klapperndem Romanhandwerk in den Griff zu bekommen versucht, verdingte er sich als Schreiber für ein „Hochglanzmagazin“. Damit war Goetz endgültig am „Nullpunkt der Literatur“ angekommen: „Reichts denn schon, so bisschen am Nachtleben rumzuforschen und davon zu berichten? Vielen nicht, mir schon.“

Die Tatsache, daß er in seiner Magazin-Zeit auf dem Journalisten-Ticket Pressekonferenzen besuchen und in Untersuchungsausschüssen herumsitzen konnte, sowie die Bekanntschaft mit dem einen oder anderen „Hauptstadt-Journalisten“ mögen Goetz zu dem Fehlschluß verleitet haben, dadurch exclusive Einblicke in Politik und Wirtschaft erlangt zu haben. Schon in Klage hatte er vom „Geheimnis der Politik“ schwadroniert, von dem „alle“, die Politiker eingeschlossen, so wenig wüßten. Dankenswerterweise hat der Verlag eine eigene Internet-Seite zur Bewerbung des Romans Johann Holtrop eingerichtet, auf der sich auch der Aufbau des Buchs und eine Liste mit den „Personen der Geschichte“ finden. Wie Goetz sein „repräsentatives“ Personal zusammenzimmert und mit teilweise „sprechenden“ Namen versieht – es gibt einen Spiegel-Ressortchef Angst, einen „Finanzimpressario“ Mack aus Hannover, einen Philosophen Bodenhausen und einen Lord Weyenfeldt – ist nämlich ein derartiger Krampf, daß man die Idee, das Buch zu lesen, endgültig verwirft. Man könnte die Liste allenfalls unter dem Titel Von der Unmöglichkeit, einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit zu schreiben veröffentlichen.

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Vermuteter Treffpunkt des Comités für Neue Prosa in Wien XVII.

IDIOME in Wien

Am 9. Oktober um 19.30h findet im WERK, genauer: in der WERKerei in der Neulerchenfelderstr. 6–8, 1160 Wien,

die IDIOME Prosawerkstatt 2012 statt.

Mit Jürgen Ploog, Ulrich Schlotmann, Karin Spielhofer und Florian Neuner

IDIOME, die seit 2009 im Klever Verlag erscheinenden „Hefte für Neue Prosa“, sind ein Forum für zeitgenössische Prosa als Sprachkunst. Im Mittelpunkt der aktuellen 5. Ausgabe steht Jürgen Ploog (geb. 1935), der wie kein anderer die radikaleren Impulse der US-amerikanischen Beat-Bewegung für die deutschsprachige Literatur fruchtbar zu machen verstand. Der in Frankfurt/Main und Florida lebende Autor veröffentlichte jüngst im [SIC]-Literaturverlag in Aachen den Band Unterwegssein ist alles.

Die Wiener Autorin Karin Spielhofer (geb. 1942) arbeitet in ihrer Prosa mit zahlreichen Textfundstücken, aber auch an einer konsequenten Musikalisierung der Sprache. 2009 erschien von ihr im Arovell Verlag Dort her. Im selben Jahr veröffentlichte der in Berlin lebende Ulrich Schlotmann (geb. 1962) bei Urs Engeler sein bisher umfangreichstes Buch Die Freuden der Jagd, in dem er Männerphantasien demaskiert. In der diesjährigen Prosawerkstatt wird er sein aktuelles Projekt Die Hub-, Schub- und Zugkräfte der Statik zur Diskussion stellen.

Moderation: Florian Neuner (gemeinsam mit Ralph Klever Hg. der Idiome)

(Unterstützt von Grazer Autorinnen Autoren Versammlung)