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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Paul Wühr

Der sogenannte Nebenkanon

D. Holland-Moritz erfuhr seine ästhetische Sozialisation im Westberliner underground der achtziger Jahre. Man tut ihm gewiß nicht unrecht und zieht nicht voreilig eine Schublade auf, wenn man das betont, bilden die Szene-Erfahrung auf der Insel Westberlin und seine popkulturelle Sozialisation im Rheinland der siebziger Jahre doch vom Autor auch in seinen Gegenwärtiges kommentierenden Einlassungen ständig präsent gehaltene Referenzpunkte. Nach Fan Base Pusher legt Holland-Moritz mit Promoter. Ein Magazin nun einen weiteren Band vor, in dem er – mal eher tagebuchartig, mal zu Miniatur-Essays sich aufschwingend, mal Materialien als nackte Zitate für sich sprechen lassend – über Ereignisse vornehmlich der Berliner Kulturszene raisonniert, und zwar in erster Linie dort, wo Veteranen jener Achtziger-Jahre-Szene hervortreten, arriviert inzwischen oder kaputt oder beides: in der Galerie der Laura Mars Grp., im „Goldenen Hahn“ oder in der Galerie Nord; Holland-Moritz ist ihr treuester und geduldigster Chronist. Immer wieder kommt er auch auf die von ihm mitorganisierten Veranstaltungen des Vereins perspektive literatur berlin e.v. zu sprechen. Der Tatsache, daß ich der Redaktion der gleichnamigen Grazer Zeitschrift, die Holland-Moritz‘ wichtigstes Medium darstellt, drei Jahre lang angehörte, erklärt wohl, warum er sich – sozusagen am Rande des skizzierten Feldes – auch hin und wieder meinen Aktivitäten zuwendet. Zur ersten Berliner IDIOME-Präsentation im Februar 2008 bemerkt Holland-Moritz:

In die Waagschale des Nebenkanons geworfen als ein Fang, der bereitwillig ins Netz geschwommen kam und an den Haken genommen von Jörg Drews in der Literaturwerkstatt der Kulturbrauerei: Idiome – ein Heft pro Jahr zum Stand neuer Prosa, hrsg. von Florian Neuner und Lisa Spalt in Oberösterreich, eine Textsammlung gegen den Mainstream aus den anderen avancierten Foren: ,,Da brauchen wir Foren“, bemerkt auch Drews und beklagt den Standard marktgerechter Prosa: Die könne ja zum Beispiel die komplexen wirtschaftlichen Vorgänge um sie herum gar nicht mehr bewältigen, die psychologisiere ja auch nicht mehr, und ob da nicht mehr nicht-narrative Konzepte gefragt seien. Nur, wie betreibt man Menschenfischerei abseits der traditionellen Fanggründe des Romans (auf ohnehin restringierenden Walwanderwegen) und seiner künstlichen, antibiotikaverseuchten Lachsfarmen?

Butter bei die Fisch, folgende Aufrufe in der kleinen Auktionshalle an der Knaackstraße:

Florian Neuners Prosa-Stadtgänge sind Ausdrücke einer Stagnation, ein zuweilen aufmüpfig vor sich hin brummelnder Ruhrgebiets-Stream of consciousness, zwischen Reklamen, Bistros, Kneipen und Bordellen auflaufend und auch deren Kundschaft nicht ausklammernd;

Ulrich Schlotmanns manieristische Entwendungen aus dem idiomatischen Wörterbuch deutscher Sprachkonvention haben Humor, provozieren mitunter in ihrer Vulgarität, erreichen ihr Publikum, aber leider nur in der Performance;

Stefan Schweiger, der mit seinen Splittern den philologischen Mulch der Geistesindustrie zu neuem organischem Rohstoff recycelt – leider steigt sein Publikum aus, das ist ja immer so eine Sache;

Lisa Spalts Entwicklung von Krimi-Elementen in einem Meta-Ansatz, der sich interlinear hineinschiebt in brachliegende Räume der Rezeption, vorgemacht von diversen Autoren in der New Wave der Science Fiction seinerzeit.

Man könnte diese Texte wie >treibende Inseln< träumen, die an Sandbänken vorbei einen Fluß hinab ins Schwemmland driften. Vielleicht, um sich mit einem Flamingo-Reservat zu verflechten oder doch nur, um in die Binsen zu gehen?

Mit dem sogenannten Nebenkanon ist es so eine Sache – eine Debatte, die mir gut aus perspektive-Zeiten erinnerlich ist: Nebenkanon, das sind oder dorthin streben die, die vermeintlich ein klitzekleines Stück weiter arriviert sind als man selbst, für Außenstehende in aller Regel gar nicht wahrnehmbar. So zu argumentieren setzt voraus, die „feinen Unterschiede“ sehr stark und zudem plausibel zu machen, warum das Publizieren in der einen staatlich subventionierten Literaturzeitschrift eine größere anti-kanonische credibility für sich beanspruchen darf als in einer anderen, warum die in der literarischen Reihe des Ritter Verlags erscheinenden Texte keinen „Nebenkanon“ bilden wollen, sehr wohl aber die von Urs Engeler oder wem auch immer herausgegebenen. Vor der Folie des von Holland-Moritz so gerne beschworenen undergrounds freilich würde derlei Rabulistik ohnehin nicht verfangen und als durchschaubares Ablenkungsmanöver abgelehnt werden müssen wie die gesamte am Rand des Hochkultur-Literaturbetriebs ausgehaltene Kleinverlags- und Zeitschriften-Szene. Dann gälte es, sich andere, tatsächlich unabhängige Wege des Publizierens zu bahnen, ernsthaft an so etwas wie Gegenöffentlichkeit zu arbeiten …

Aber Holland-Moritz geht noch weiter und suggeriert mit dem Bild von der Auktionshalle, es sei damals nicht bloß um das Réussieren im „Nebenkanon“ gegangen, sondern gar um einen Vorstoß dorthin, wo die Fleischtöpfe tatsächlich (oder vermeintlich) stehen. Denn mit einem Platz als Quoten-Experimenteller am Katzentisch des Betriebs hat sich ja auch noch niemand eine goldene Nase verdient. Nicht ohne Häme verweist Holland-Moritz darauf, daß dieses von ihm unterstellte Ziel doch unerreichbar bleiben muß und beruft sich dabei auf das Publikum, das an jenem Abend übrigens zahlreich erschienen war und mit dem die IDIOME-Herausgeber durchaus argumentieren könnten, wenn sie der Meinung wären, daß der Erfolg irgendjemandem recht gibt – und suggeriert, daß es gegen Stefan Schweigers hochreflexive Prosa spricht, wenn diese beim ein- bzw. erstmaligen Hören möglicherweise nicht ohne weiteres aufgefaßt werden kann und gegen Ulrich Schlotmanns Texte, daß dieser sie publikumswirksam darzubieten versteht (was ihn nebenbei mit Holland-Moritz verbindet).

Ich weiß bis heute nicht, warum Lisa Spalt und ich mit den IDIOMEN damals in die literaturWERKstatt eingeladen wurden, die sich in letzter Zeit kaum noch für Sprachkunst außerhalb des stets wohlbestellten Lyrik-Schrebergartens interessiert. Von diesem Ereignis bleibt retrospektiv in erster Linie das Glück, Jörg Drews ein Jahr vor seinem Tod begegnet zu sein und die Dankbarkeit, daß er seinen Namen hergab für ein junges Zeitschriften-Projekt, das er unterstützenswert fand. Mit dem „Nebenkanon“, das darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, gab ein Jörg Drews sich allerdings gar nicht erst ab: Er stritt für die Anerkennung von Hartmut Geerken, Dieter Roth oder Paul Wühr als den relevanten Figuren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur – nicht neben, sondern anstelle von Grass, Walser & Co. Davon ist seine Rezensionssammlung Luftgeister und Erdenschwere ein schönes Zeugnis, die man als eine alternative Literaturgeschichte der Nachkriegszeit lesen kann.

Das „Papier für neue Texte“ entdeckt die Prosa

Die Leipziger Literaturzeitschrift Edit widmet ihre Frühjahrsausgabe ganz der Prosa und versucht das dem Leser als ungewöhnliches Konzept zu verkaufen. Warum über Prosa als Gattung geschwiegen werde, fragt sich die Redaktion: „Warum scheint es hier – anders als in der Lyrik – keinen Bedarf zur Selbstreflexion zu geben?“ – und liefert die Antwort gleich unfreiwillig mit, wenn sie berichtet: „Manche hatten wegen Romanarbeiten keine Zeit sich mit Prosa auseinanderzusetzen oder erklärten sich schlicht nicht für ernsthaft genug.“ Wer zeitgenössische Prosa vornehmlich als Romanproduktion begreift, der wird eben nicht auf die Autorinnen und Autoren stoßen, für die das Schreiben von Prosa eine autoreflexive Tätigkeit ist. Andererseits würden die Romanciers, für deren Produkte in der Prosa-Ausgabe der Edit in bezahlten Anzeigen geworben wird, vielleicht derartige Romane gar nicht schreiben, fänden sie nur die Zeit, sich mit Prosa auseinanderzusetzen, oder widmeten sie sich ihrem Handwerk ernsthafter.

Daß die Edit-Redaktion ihre Diagnose, zeitgenössische Prosa-Autoren vermieden eine poetologische Reflexion ihres Tuns, nicht aufrechterhalten hätte können, hätte sie den „Heften für Neue Prosa“ Beachtung geschenkt (die schon in ihrer 1. Ausgabe eine Umfrage zum Thema „Prosa ist …“ enthielten, wie sie jetzt auch die Leipziger präsentieren), sei nur am Rande vermerkt. Da wir nicht glauben, daß die Redaktion vor einer kleinen Internet-Recherche zum Thema zurückgeschreckt ist, die sie auf diese Hefte ja aufmerksam machen hätte müssen, wird es daran liegen, daß man sich dort nicht oder nur am Rande für eine avancierte Prosa als Sprachkunst interessiert. Dafür spricht auch, daß Autoren, die man dem wie auch immer weiteren Umfeld der IDIOME zurechnen könnte (Lisa Spalt beispielsweise oder Martin Lechner) in der Edit nur eine untergeordnete Rolle spielen. So vergleicht Nora Bossong das Verhältnis von Prosa und Film mit dem zwischen Bahn und Flugzeug, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Nur weil es das Flugzeug gibt, braucht die Bahn nicht verschrottet zu werden.“ In ihrem an Platitüden reichen Text lesen wir auch: „Ein Roman ist mehr als Narration, Handlung, Abfilmbares.“ – nämlich „Sprache“. Wer hätte das gedacht?

Nun sind nicht alle Beiträge so platt wie der von Nora Bossong. Aber nur mit dem Paradigma heutiger marktgängiger Romane als unhinterfragte Folie läßt sich wohl verstehen, warum Tobias Hülswitt gegen das „lineare Erzählen“ anschreiben zu müssen glaubt – ein Kampf gegen eine Windmühle, wenn man modernistische Traditionen in der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht vollends ignoriert. Seltsam auch, daß Thomas von Steinaecker sich von einer „formalistischen“ Literatur abgrenzen zu müssen glaubt, als wäre er in den fünfziger Jahren vom Schriftstellerverband der DDR zum Rapport einbestellt. Diese lasse die Radikalität, die sie bei der „Sprachbearbeitung“ (sic!) an den Tag lege, „im Fabulieren“ vermissen – eine Opposition, die so wenig einleuchtet wie Steinaeckers ungeschickt als „formal-fabulierendes Konzept“ bezeichneter vermeintlicher dritter Weg. Aseptische Experimente um des Experimentierens willen, findet man – wenn überhaupt – doch eher in der Lyrik. Und erfreut die Prosa eines Paul Wühr oder ein Roman wie Jürgen Links Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee mit seinen Simulationen nicht mit ungleich mehr Fabulierlust als der zeitgenössische Mainstream-Roman mit einem Plot à la „M. hat sich das Leben genommen. Ihr Selbstmord führt ihre Zwillingsschwester und deren Lebensgefährten an den Ort der gemeinsamen Kindheit in die süddeutsche Provinz“?

Man könnte sich auch fragen, warum Norbert Hummelt sich wortreich dafür rechtfertigt, bisher noch keinen Roman geschrieben zu haben und darüber wundern, daß Sabine Scholl sich mit einem sympathischen Plädoyer für kleine Formen als Gegengift zum „großen Roman“ vernehmen läßt, obwohl sie selbst in jüngster Zeit mit zwei Romanen hervorgetreten ist. Und wenn Ilma Rakusa und Ferdinand Schmatz sich darin einig sind, daß Prosa eine „Feier der Sprache“ sein soll, dann klingt das doch etwas zu bombastisch. Daß man sich auch mit Büchern von Nanni Balestrini, Ronald Pohl oder Ulrich Schlotmann beschäftigen könnte, darauf verweist immerhin eine Art Sammelrezension von Tobias Amslinger, das Prosa-Sonderheft beschließend.