neue prosa

IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Monat: Dezember, 2011

IDIOME in Zürich

In der Reihe „Teppich: offen“, die augenblicklich am Theater Neumarkt in Zürich stattfindet, hatte ich vor einer Woche die Gelegenheit, gemeinsam mit den Schweizer Autorinnen Annette Hug und Elisabeth Wandeler-Deck die IDIOME vorzustellen. Das war im Grunde überfällig, richten die „Hefte für Neue Prosa“ ihren Blick doch immer schon auf den gesamten deutschsprachigen Raum. Elisabeth Wandeler-Deck war bereits im 1. Heft vertreten, wo sie auf die von Lisa Spalt und mir veranstaltete Umfrage „Prosa ist …“ reagierte:

Prosa ist. Das kann behauptet werden. Das wurde behauptet. Plötzlich war sie da, kurz und gut, man hat sie gemacht. Wie schön. Prosa, ja, sie, sie, behauptet sich durch dick und auch durch ein schütteres Gebüsch, da ist alles möglich. Gemacht hat sie sich über die Zeit hinweg, die eine Zeit begründete und andere Zeiten gab es und daher wechselhaftes Wetter. Prosa ist eine Freundschaft von Satz zu Satz bei drückendes Hitze. Unklare Ausgangslage. (…)

In der aktuellen IDIOME-Ausgabe ist Wandeler-Deck mit dem Text „Haben Sie auch schon Schokolade geträumt?“ vertreten. Annette Hugs Auftritt in Zürich war ein Ausblick in die Zukunft der IDIOME. Sie las aus einem Text, der in Heft 5 nachzulesen sein wird. Ich leitete die Veranstaltung mit einer Lesung von Dieter Roths „Prosa“ ein, abgedruckt in Heft 2. Annette Hug und Elisabeth Wandeler-Deck zählen zu den Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Teppich“ in Zürich zu öffentlichen Arbeitsgesprächen über unveröffentlichte Texte treffen.

Florian Neuner liest „Prosa“ von Dieter Roth:

 

Elisabeth Wandeler-Deck liest aus: „Haben Sie auch schon Schokolade geträumt?“:

 

Annette Hug liest aus: „Institution“:

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Vermuteter Treffpunkt des Comités für Neue Prosa in Düsseldorf-Rath

Zu Protokoll (I)

Ich kenne Jürg Laederachs neuen Band Harmfuls Hölle nicht. Ronald Pohl spricht immerhin von „einem Meisterwerk dieses deutschsprachigen Literaturherbstes“. Aber gleichgültig, ob man nun geneigt ist, mit Pohl in Laederach den „Hochseilartisten unter den deutschsprachigen Prosakünstlern“ zu sehen oder nicht – die Rezeption des Buches ist typisch für den Umgang mit neuer Prosa in den tonangebenden Medien. Da Harmfuls Hölle nun einmal als Hardcover bei Suhrkamp erschienen ist, kommt man dort nicht umhin, sich mit dem Werk zu beschäftigen – und faßt es mit demonstrativ spitzen Fingern an. So die Schweizer Kritikerin Pia Reinacher in einem sogenannten Kritikergespräch im „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks vor wenigen Tagen. Das sympathische Plädoyer für die Moderne ihres Deutschlandfunk-Kollegen Hajo Steinert focht Reinacher nicht an, die sich mit dem ebenfalls an dem Gespräch beteiligten Martin Ebel einig war in ihrem von Vorurteilen geprägten Halbwissen über die „Lautmaler“ und „Sprachspieler“ und deren „Inhaltslosigkeit“. Folgender Dialog entspann sich zwischen den Kritikern:

Pia Reinacher: Wieso man das Buch eigentlich gar nicht zusammenfassen kann und eigentlich auch nicht wiedergeben, was der Inhalt ist, ist, daß die Sprache eigentlich gar nicht Träger einer Botschaft ist, sondern Selbstzweck. Also, man müßte eigentlich diese Erzählungen mündlich hören: Sie sind lautmalerisch, sie arbeiten mit Neologismen, mit Assoziationen … es sind einfach Sprachpirouetten. Die Frage ist nur: Hat das dieses Ergebnis, wie es z.B. die Lautgedichte von Jandl oder Mayröcker hatten, die Wiener Gruppe, an der er sich ja auch orientiert, die dann die Sprache destruierten, um einen Sinn zu erschließen, indem er die Sprache neu zusammensetzt und eben durch lautmalerische Reihungen irgendein Ergebnis zu bringen, eine Botschaft? Und das kann man hier eigentlich nicht sagen, oder. Was wir eigentlich so komisch finden, ist, daß es um sich selber dreht und man nach 10, 20 Seiten es genervt weglegt.

Hajo Steinert: Ja, aber große Literatur der Moderne, von James Joyce angefangen, Literatur, die, wie Sie sagen, Frau Reinacher, als Selbstzweck betrieben wird, die keine Botschaft vermittelt: Das ist doch eigentlich ein großes Kompliment, wenn das Literarische an sich dasteht. Denn Botschaften haben wir in der Politik, haben wir in der Werbung, haben wir auf dem Theater. Hier ist wirklich reine Literatur, literature pure.

Reinacher: Aber wenn wir das lesen, wird uns eigentlich bewußt, daß Laederach schon ein älterer Herr ist und daß eigentlich die Zeit voranschreitet und diese Hörgewohnheit, die wir da entwickeln müssen, wir die gar nicht mehr haben. Es kommt einem ziemlich altmodisch vor.

… womit Pia Reinacher (gerade mal 9 Jahre jünger als Laederach, aber offenbar fest entschlossen, den Zug der Zeit nicht zu versäumen) auch noch die unterste Schublade des dümmlichen Avantgarde-Bashings aufzog, sich mit ihrem großspurigen „wir“ stets zur Anwältin der an Sprachkunst vermeintlich desinteressierten Mehrheit aufschwingend: mit der contrafaktischen Behauptung, es sei zeitgemäßer oder gar „moderner“, die modernistische Literatur des 20. Jahrhundert zu ignorieren und zu den Romanen und Erzählmustern des 19. Jahrhunderts zurückzukehren. Denn gemäß dieser verqueren Logik ist Innovation und Nonkonformismus ja altmodisch; zurück in die Zukunft des literarischen Neo-Biedermeiers.