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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Roman

Johann Holzkopf

Nun soll es also Rainald Goetz gerichtet und endlich „einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit“ (Spiegel online) geliefert, d. h. mit ästhetischen Mitteln von gestern die gegenwärtige „Krise“ begreifbar gemacht haben. Wie soll das aber gehen? Wenn man von dem regressiven Wunsch absieht, die Zeit ließe sich noch einmal in einen „großen“ Roman fassen wie weiland bei Dostojewskij, scheint es gar nicht so absurd, an den bayerischen Schriftsteller zu denken, denn Goetz hat in der Tat bemerkenswerte Prosa geschrieben – das liegt allerdings inzwischen Dezennien zurück. Später fiel er durch seine intellektuell äußerst anspruchslose Apologetik der Techno-Bewegung auf – „Jeden verstehe ich, mit allem bin ich einverstanden, alles ist toll“ –, in den „Nullerjahren“, die er nun offenbar mit klapperndem Romanhandwerk in den Griff zu bekommen versucht, verdingte er sich als Schreiber für ein „Hochglanzmagazin“. Damit war Goetz endgültig am „Nullpunkt der Literatur“ angekommen: „Reichts denn schon, so bisschen am Nachtleben rumzuforschen und davon zu berichten? Vielen nicht, mir schon.“

Die Tatsache, daß er in seiner Magazin-Zeit auf dem Journalisten-Ticket Pressekonferenzen besuchen und in Untersuchungsausschüssen herumsitzen konnte, sowie die Bekanntschaft mit dem einen oder anderen „Hauptstadt-Journalisten“ mögen Goetz zu dem Fehlschluß verleitet haben, dadurch exclusive Einblicke in Politik und Wirtschaft erlangt zu haben. Schon in Klage hatte er vom „Geheimnis der Politik“ schwadroniert, von dem „alle“, die Politiker eingeschlossen, so wenig wüßten. Dankenswerterweise hat der Verlag eine eigene Internet-Seite zur Bewerbung des Romans Johann Holtrop eingerichtet, auf der sich auch der Aufbau des Buchs und eine Liste mit den „Personen der Geschichte“ finden. Wie Goetz sein „repräsentatives“ Personal zusammenzimmert und mit teilweise „sprechenden“ Namen versieht – es gibt einen Spiegel-Ressortchef Angst, einen „Finanzimpressario“ Mack aus Hannover, einen Philosophen Bodenhausen und einen Lord Weyenfeldt – ist nämlich ein derartiger Krampf, daß man die Idee, das Buch zu lesen, endgültig verwirft. Man könnte die Liste allenfalls unter dem Titel Von der Unmöglichkeit, einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit zu schreiben veröffentlichen.

IDIOME in Berlin

Am Donnerstag, den 27. September um 20.30 Uhr wird die aktuelle Ausgabe der IDIOME in der Kulturspelunke Rumbalotte Continua, Metzer Str. 9, 10405 Berlin, vorgestellt.

Mit CraussFlorian NeunerUlrich Schlotmann und Stefan Schweiger.

2007 von Florian Neuner und Lisa Spalt ins Leben gerufen, ist die Zeitschrift IDIOME von Anfang an zwischen Wien und Berlin entstanden und widmet sich seit der ersten Ausgabe avancierter Prosa aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wobei das Spektrum von historischen Texten der Neoavantgarde in Erst- und Wiederveröffentlichungen (Chris Bezzel, Dieter Roth) bis zur jüngsten Literatur (Ann Cotten, Robert Prosser) reicht. Bereits im Editorial der 2. Ausgabe konnte Florian Neuner, der die IDIOME heute gemeinsam mit Ralph Klever herausgibt, resümieren: „Die Resonanz, welche das Vorhaben, ‚Hefte für Neue Prosa‘ herauszubringen, bereits in seinem Planungsstadium auslöste, ließ nur einen Schluß zu: Darauf hatten einige gewartet. Und nicht nur die Autorinnen und Autoren, die sich noch immer nicht davon haben abbringen lassen, an einer Prosa jenseits von Roman und short story zu schreiben, goutierten das von mir gemeinsam mit Lisa Spalt auf den Weg gebrachte Projekt. Die in den IDIOMEN abgedruckte Sprachkunst hat auch ein Publikum erreicht.“

Crauss Geb. 1971, lebt in Siegen, zuletzt: Lakritzvergiftung (Verlagshaus J. Frank, Berlin, 2011)

Florian Neuner Geb. 1972, lebt in Berlin, zuletzt: Satzteillager (Klever, Wien, 2011)

Ulrich Schlotmann Geb. 1962, lebt in Berlin, zuletzt: Die Freuden der Jagd (Urs Engeler, Basel, 2009)

Stefan Schweiger Geb. 1967, lebt in Berlin, zuletzt: Ruptus. Marktgeschehen (Ritter, Klagenfurt, 2012)

Eintritt frei!

Zu Protokoll (III)

 

Nichts von dem, was Jochen Schimmang in dem Text, den er kürzlich in der Fatz unterbringen konnte, schreibt, ist neu oder sonderlich originell. Bemerkenswert ist allenfalls, daß die Polemik gegen die Fokussierung des deutschen Literaturbetriebs auf Romane und den „Deutschen Buchpreis”, den Schimmang dafür verantwortlich macht, an prominenter Stelle in einem jener Feuilletons erscheint, die seit Jahren maßgeblich zu dem beklagten und in der Tat: beklagenswerten Zustand beitragen – kurz vor dem sogenannten Bücherherbst, in dem auch die Fatz ihre Literaturseiten und -beilagen wieder zu großen Teilen damit bestreiten wird, daß sie ihre Rezensenten die Long- und Short-Lists rauf- und runterbesprechen lassen wird. Vielleicht ist das ja ein Wink mit dem Zaunpfahl an die – ich fürchte – Minderheit der Leser, denen das zu blöd ist und denen signalisiert werden soll: Wir glauben natürlich selbst nicht, daß diese Art von Romanschreiberei den relevantesten Teil gegenwärtiger literarischer Produktion darstellt! Schimmang unterstellt, vielleicht zu optimistisch, daß den meisten RomanschreiberInnen im Grunde bewußt sei, daß „Romane immer weniger in der Lage sind, uns etwas über die Welt von heute zu erzählen”. Aber der Betrieb fordert es halt. Schimmang schreibt:

Der Glaube an die Kraft des Erzählens, der zwischenzeitlich einmal durchaus erschüttert war, ist vollständig wiederhergestellt und vielleicht noch nie so stark gewesen wie heute. Also geht es immer weiter, das Erzählen. Arno Geiger schreibt einen Roman über seinen dementen Vater. Uwe Tellkamp schreibt einen Roman über die DDR. Ingo Schulze schreibt einen Roman über die DDR. Eugen Ruge schreibt einen Roman über die DDR. Der Verfasser schreibt einen Roman über die alte Bundesrepublik. Julia Franck, Melinda Nadj Abonji, Katharina Hacker und viele andere schreiben Familienromane. Clemens Meyer und Jan Brandt schreiben Coming-of-age-Romane. Judith Schalansky schreibt einen Roman über eine Biologielehrerin in Vorpommern. Nina Bußmann schreibt einen Roman über einen Lehrer für Mathe, Physik und Erdkunde. Andreas Maier schreibt elf Romane über die Wetterau. Selbst ein so kluger Kopf wie Rainald Goetz hat jetzt einen „richtigen Roman“ geschrieben, mit einem richtigen Protagonisten und weiteren Figuren. Der ist wahrscheinlich sogar sehr gut, man wird sehen, aber musste das sein?

Schimmang stellt klar: Er möchte nicht die These vertreten, man könne heute keine Romane mehr schreiben. (Ich neige ihr eigentlich, wenn man die Gattungsdefintion ernstnimmt und nicht als beliebiges Etikett behandelt, zu.) Schließlich publiziert er selbst Bücher, die als Romane auf den Buchmarkt kommen. Er beklagt einen von den Schreibschulen in Leipzig und Hildesheim bis hin zu jenem „Buchpreis“ immer besser durchorganisierten Lobbyismus einflußreicher Kritiker und Verlagsleute, der mittelmäßiger Erzählware ihr Terrain sichert, und berührt dann einen entscheidenden Punkt, der über die sicher auch wohlfeile Kritik an feuilletonistischer Meinungsmache – wer erwartet denn wirklich anderes? – hinausgeht: die abgebrochene Modernisierung der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur:

Was sich durchgesetzt hat, geradezu flächendeckend und alles andere verdrängend, ist ebenjenes mehr oder weniger biedere, mehr oder weniger formal raffinierte Erzählen, das Ende der siebziger Jahre mit dem Stoßseufzer „Es wird wieder erzählt!“ begrüßt worden ist und anschlussfähig an die deutsche Literatur der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte war. Schluss mit der frühen Prosa von Jürgen Becker und Schluss mit Heißenbüttel, und von Johnson zwar die „Jahrestage“, die man gut fürs Fernsehen adaptieren konnte, aber bitte nicht etwas so Kompliziertes wie „Mutmaßungen über Jakob“. Deutsche Romane greifen wieder weit aus und werden auch vom Volumen wuchtiger.

 

Zu Protokoll (II)

Eine in der vergangenen Woche in der ZEIT erschienene Rezension beleuchtet den traurigen Tiefstand des Niveaus der Debatten um die Gegenwartsliteratur in den sogenannten großen Feuilletons, auch des literarhistorischen und -theoretischen Wissens von Leuten wie dem Literaturkritiker Ijoma Mangold, der besagten Text verantwortet. Es handelt sich um einen neuen Aufguß des schon lange beliebten Avantgarde-Bashings. Doch gilt die Polemik keineswegs Jürg Laederach oder Franz Josef Czernin – nein, Ziel ist ausgerechnet Felicitas Hoppe. Für oder gegen die Autorin läßt sich gewiß einiges vorbringen. Aber man wird ihren Namen doch kaum nennen, wenn es um besonders avancierte Positionen heutigen (Prosa)Schreibens geht. Für Mangold freilich ist auch ihre Position schon zu steil. Er glaubt, daß die „hymnische Rezeption“ ihres neuen Romans Hoppe „den Charakter eines Manifests“ hat:

Dieser Roman mag mit großem Geschick Locken auf einer Glatze drehen, aber er tut dies in Wahrheit gar nicht um der Locken willen, sondern er ist Politik, Literaturpolitik: Er will das Drehen von Locken auf einer Glatze zum wahren poetischen Glaubensbekenntnis erklären.

Mit dem „Drehen von Locken auf einer Glatze“ meint der ZEIT-Kritiker offenbar jede Art von reflexiver Literatur und erzählender Prosa, die ihre Fiktionalität auf Meta-Ebenen mitverhandelt – im Gegensatz zu autobiographisch scheinbar beglaubigter Romanschreiberei über Kindheiten in den siebziger Jahren oder in Agenturen und im Nachtleben gestresste Großstadt-Existenzen. Daß Hoppe hier als Beispiel für angeblich zu Artifizielles, Ausgedachtes herhalten muß, liegt vermutlich daran, daß Mangold die Bücher, in denen derlei längst konsequenter und konzeptuell anspruchsvoller durchexerziert wurde, gar nicht kennt. Nur nebenbei: Was er hier als Scheingefecht herbeiredet, wurde vor Dezennien einmal tatsächlich und auf weitaus höherem Niveau diskutiert: als Formalismusdebatte etwa Anfang der fünfziger Jahre in der DDR. Mangold aber behauptet:

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich alle genuin literaturkritischen Debatten (also nicht: Grass und Israel) immer um die Frage gedreht: Kunst oder Leben? Konstruktion oder Erlebnis? Form oder Inhalt? Künstlichkeit oder Authentizität? Von Maxim Biller über Volker Weidermanns Lichtjahre bis zu Helene Hegemann und Charlotte Roche arbeitete man sich an dieser unfruchtbaren Alternative ab, als gäbe es das eine ohne das andere. Als wäre es für ein ganzes, reiches Leben sinnvoll, sich für eine Seite zu entscheiden. Als hätte die Literatur nicht wie in des Vaters Haus viele Wohnungen. Als wäre es nicht völlig klar, dass Bücher aus Buchstaben bestehen, und als wäre es nicht ebenso offensichtlich, dass diese Buchstaben, je kunstvoller sie gesetzt sind, uns manchmal wahrer als das Leben erscheinen.

Man muß wohl mit der Betriebsblindheit eines Feuilleton-Redakteurs geschlagen sein, um den künstlichen Aufruhr um die Machwerke von Biller, Hegemann & Co., den man selbst mitinszeniert hat, für die „literaturkritischen Debatten“ der letzten Jahre zu halten. Und zumindest hoffe ich, daß es auch an den germanistischen Instituten noch nicht so weit gekommen ist, daß man dort über Bücher wie die von Volker Weidermann diskutiert. Mir wurde schon im ersten literaturwissenschaftlichen Proseminar der grundsätzlich fiktionale Charakter von literarischen Texten nahegebracht. Mit literaturwissenschaftlichem Grundwissen jedenfalls würden sich diese Schein-Oppositionen echt vs. papieren erübrigen. Felicitas Hoppe aber unterstellt Mangold ein naives Calcul:

Alle, so lautet die Prämisse von Hoppe, schreiben diese autobiografisch beglaubigten Romane, mit echtem Blut, mit echten Tränen, mit echtem Sperma, bei denen sich der Leser am wahren Leben weidet – das könnt ihr auch von mir haben, hier schreibe ich euch meine Autobiografie, und dann werdet ihr begreifen, dass der Schriftsteller, je häufiger er „ich“ sagt, nur desto mehr lügt. Weil es in der Literatur nicht um die Wahrheit, sondern um die Einbildungskraft geht.

Roman?

Es gibt vermutlich keine gesicherten empirischen Erkenntnisse darüber, ob die Käufer belletristischer Bücher wirklich so blöd sind, reflexartig und bevorzugt immer nach jenen Druckerzeugnissen zu greifen, auf denen „Roman“ steht. Die Verlage haben sich jedenfalls angewöhnt, so gut wie alles als Roman zu etikettieren, was in ungebundener Sprache verfaßt ist und den Umfang von etwa 100 Seiten übersteigt. Der Roman ist ein Konzept des 19. Jahrhunderts, das vom literarischen Modernismus im letzten Jahrhundert zur Explosion gebracht wurde. Seither kann ernsthaft nur noch mit den Trümmern gearbeitet werden, die nach dieser Explosion liegengeblieben sind. Das Konzept war, die Zeit und ihre geistigen Strömungen vermittels exemplarischer Figuren-Konstellationen abzubilden, was schon bei Dostojewskij zu höchst komplexen und umfänglichen Konstruktionen geriet. Daß konventionelle Romane noch immer als ernstzunehmende Auseinandersetzungen mit den gegenwärtigen Krisen, der „Globaliserung“ oder was auch immer durchgehen, beleuchtet in erster Linie das Niveau der Literaturkritik. Mit „interpersonal-interaktionistischen Geschichten“ (Jürgen Link) ist heute kein Staat mehr zu machen.

Der Karin Kramer Verlag ist gewiß unverdächtig, mit dem Etikett „Roman“ Jürgen Schneiders Buch potentiellen Käufern als Mainstream-Produkt unterjubeln zu wollen. Es muß damit also eine andere Bewandtnis haben. Schneider hat mit RMX einen 170-seitigen, mit zahllosen Fußnoten gespickten Text montiert, der sich hauptsächlich aus Mediensprache speist und sein Material also aus all den Zeitungen und Magazinen schöpft, die dazu gemacht sind, daß ihre Leser nichts über die Welt oder gar über politische Zusammenhänge erfahren. Es geht in diesen Bruchstücken um Modetrends, um die Kunstschickeria, um Boulevard-Prominenz, Pop, die gerade angesagten Philosopheme oder das oberflächliche Bild, das westliche Medien von der Demokratischen Volksrepublik Korea zeichnen. Lesend wird man in einen Strudel hineingezogen, so daß man bald schon nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht zwischen Christoph Blocher und Cindy Sherman.

Wenn ein Buch es heute unternimmt, die Gegenwart in Worte zu fassen, dann kann das überzeugend nicht mehr mit interpersonal-interaktionistischen Kolportagen geschehen. Dann muß es sich die Sprache der hegemonialen medialen Diskurse direkt vornehmen, so unappetittlich das auch manchmal sein mag. Und wenn diese Texte zerschnitten und dekontextualisiert vorgeführt werden, dann geben sie da und dort am Ende vielleicht doch das preis, was sie verbergen sollen. Bei der Lektüre von RMX ist man hin und hergerissen zwischen Ekel und Amusement. Virtous führt Jürgen Schneider durch eine Geisterbahn, in der es aber auch etwas zu lachen gibt und in der durch die unerwarteten Konfrontationen und Konstellationen immer wieder Erkenntnisse aufblitzen. In einem eher metaphorischen Sinne ist RMX vielleicht sogar ein Roman – oder präziser: Schneider hat eine ästhetische Strategie gefunden, die das leisten kann, was früher Romane geleistet haben und was all die Bücher nimmermehr leisten, die Geschichten von Bankern, Philosophen oder wem auch immer auftischen.

Das „Papier für neue Texte“ entdeckt die Prosa

Die Leipziger Literaturzeitschrift Edit widmet ihre Frühjahrsausgabe ganz der Prosa und versucht das dem Leser als ungewöhnliches Konzept zu verkaufen. Warum über Prosa als Gattung geschwiegen werde, fragt sich die Redaktion: „Warum scheint es hier – anders als in der Lyrik – keinen Bedarf zur Selbstreflexion zu geben?“ – und liefert die Antwort gleich unfreiwillig mit, wenn sie berichtet: „Manche hatten wegen Romanarbeiten keine Zeit sich mit Prosa auseinanderzusetzen oder erklärten sich schlicht nicht für ernsthaft genug.“ Wer zeitgenössische Prosa vornehmlich als Romanproduktion begreift, der wird eben nicht auf die Autorinnen und Autoren stoßen, für die das Schreiben von Prosa eine autoreflexive Tätigkeit ist. Andererseits würden die Romanciers, für deren Produkte in der Prosa-Ausgabe der Edit in bezahlten Anzeigen geworben wird, vielleicht derartige Romane gar nicht schreiben, fänden sie nur die Zeit, sich mit Prosa auseinanderzusetzen, oder widmeten sie sich ihrem Handwerk ernsthafter.

Daß die Edit-Redaktion ihre Diagnose, zeitgenössische Prosa-Autoren vermieden eine poetologische Reflexion ihres Tuns, nicht aufrechterhalten hätte können, hätte sie den „Heften für Neue Prosa“ Beachtung geschenkt (die schon in ihrer 1. Ausgabe eine Umfrage zum Thema „Prosa ist …“ enthielten, wie sie jetzt auch die Leipziger präsentieren), sei nur am Rande vermerkt. Da wir nicht glauben, daß die Redaktion vor einer kleinen Internet-Recherche zum Thema zurückgeschreckt ist, die sie auf diese Hefte ja aufmerksam machen hätte müssen, wird es daran liegen, daß man sich dort nicht oder nur am Rande für eine avancierte Prosa als Sprachkunst interessiert. Dafür spricht auch, daß Autoren, die man dem wie auch immer weiteren Umfeld der IDIOME zurechnen könnte (Lisa Spalt beispielsweise oder Martin Lechner) in der Edit nur eine untergeordnete Rolle spielen. So vergleicht Nora Bossong das Verhältnis von Prosa und Film mit dem zwischen Bahn und Flugzeug, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Nur weil es das Flugzeug gibt, braucht die Bahn nicht verschrottet zu werden.“ In ihrem an Platitüden reichen Text lesen wir auch: „Ein Roman ist mehr als Narration, Handlung, Abfilmbares.“ – nämlich „Sprache“. Wer hätte das gedacht?

Nun sind nicht alle Beiträge so platt wie der von Nora Bossong. Aber nur mit dem Paradigma heutiger marktgängiger Romane als unhinterfragte Folie läßt sich wohl verstehen, warum Tobias Hülswitt gegen das „lineare Erzählen“ anschreiben zu müssen glaubt – ein Kampf gegen eine Windmühle, wenn man modernistische Traditionen in der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht vollends ignoriert. Seltsam auch, daß Thomas von Steinaecker sich von einer „formalistischen“ Literatur abgrenzen zu müssen glaubt, als wäre er in den fünfziger Jahren vom Schriftstellerverband der DDR zum Rapport einbestellt. Diese lasse die Radikalität, die sie bei der „Sprachbearbeitung“ (sic!) an den Tag lege, „im Fabulieren“ vermissen – eine Opposition, die so wenig einleuchtet wie Steinaeckers ungeschickt als „formal-fabulierendes Konzept“ bezeichneter vermeintlicher dritter Weg. Aseptische Experimente um des Experimentierens willen, findet man – wenn überhaupt – doch eher in der Lyrik. Und erfreut die Prosa eines Paul Wühr oder ein Roman wie Jürgen Links Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee mit seinen Simulationen nicht mit ungleich mehr Fabulierlust als der zeitgenössische Mainstream-Roman mit einem Plot à la „M. hat sich das Leben genommen. Ihr Selbstmord führt ihre Zwillingsschwester und deren Lebensgefährten an den Ort der gemeinsamen Kindheit in die süddeutsche Provinz“?

Man könnte sich auch fragen, warum Norbert Hummelt sich wortreich dafür rechtfertigt, bisher noch keinen Roman geschrieben zu haben und darüber wundern, daß Sabine Scholl sich mit einem sympathischen Plädoyer für kleine Formen als Gegengift zum „großen Roman“ vernehmen läßt, obwohl sie selbst in jüngster Zeit mit zwei Romanen hervorgetreten ist. Und wenn Ilma Rakusa und Ferdinand Schmatz sich darin einig sind, daß Prosa eine „Feier der Sprache“ sein soll, dann klingt das doch etwas zu bombastisch. Daß man sich auch mit Büchern von Nanni Balestrini, Ronald Pohl oder Ulrich Schlotmann beschäftigen könnte, darauf verweist immerhin eine Art Sammelrezension von Tobias Amslinger, das Prosa-Sonderheft beschließend.