neue prosa

IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Bert Papenfuß

Für die Versenkung

DSCF8298

Es gibt ihn noch, den literarischen Underground – wenn auch nicht unbedingt immer dort, wo irgendwelche Kneipenrebellen sich dafür halten. Otfried Rautenbach freilich darf für sich beanspruchen, mit PФRART, der »Zeitschrift für die Versenkung«, tatsächlich so etwas wie literarische Gegenöffentlichkeit zu organisieren. Die in seinem Heidelberger Verlag für Privatdrucke im 8. Jahrgang erscheinenden Hefte halten noch immer die Copy-Shop-Ästhetik hoch, welche die allermeisten Literaturzeitschriften bis in die neunziger Jahre prägte. Das ist erfrischend angesichts der vielen perfekt und glatt daherkommenden Zeitschriften, die selten so etwas wie ein inhaltliches Anliegen haben. Als Verleger erwarb Rautenbach sich schon in den sechziger Jahren mit dem Verlag Hagar große Verdienste. Dort erschienen Texte und Partituren u.a. von Schuldt und Michael von Biel, auch Gunter Falks Début Der Pfau ist ein stolzes Tier.

Im aktuellen Heft 14 hat Rautenbach Falks »Aufwartung« nachgedruckt – einen Text, der ausschließlich aus comicartigen Ausrufen wie »schnarch«, »poch«, »schmatz« und »quietsch« besteht. Er bringt aber auch Arbeiten von Peter Engstler, Andreas Hansen und Florian Neuner. Und wenn man in der »Zeitschrift für die Versenkung« auch auf IDIOME-Autoren wie Jörg Burkhard, Bert Papenfuß und Jürgen Schneider trifft, dann ist das kein Zufall.

PФRART ist für 2.–€ erhältlich im Verlag der Privatdrucke von Otfried Rautenbach, Handschuhsheimer Landstr. 92 B, 69121 Heidelberg.

Advertisements

Der Buchhandel schafft sich ab

Die Zeiten sind lange vorbei, als es in jeder Universitäts- oder größeren Stadt mindestens eine auf Literarisches spezialisierte Buchhandlung gab, die eine Reihe von Literaturzeitschriften vorrätig hielt. Dort konnte man in das Schreibheft oder die horen blättern, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, ob einen der thematische Schwerpunkt interessierte, prüfen, ob einem die Autorenauswahl der aktuellen manuskripte behagte. Die Hefte sind schließlich nicht ganz billig, und nicht jeder hat das große Herz des Lyrikers, der mir einmal erzählte, er würde jede Zeitschrift sogleich abonnieren, die ihn abdrucke. Sicher, die an Zeitschriften Interessierten haben inzwischen mitbekommen, daß sich der Gang in die Buchhandlungen nicht mehr lohnt und informieren sich im Netz – ein richtiger Ersatz ist das aber nicht. Das Literarische Quartier Alte Schmiede in Wien hat auf diesen Mißstand dankenswerterweise mit der Einrichtung einer „Galerie der Literaturzeitschriften“, einem öffentlichen Leseraum, reagiert.

Als die ersten IDIOME herauskamen, bin ich mit dem Heft in die sogenannten besseren literarischen Buchhandlungen in Berlin, Wien und anderswo gegangen, um festzustellen, daß es wohl erfolgversprechender ist, das sprichwörtliche Sauerbier anzubieten. Wer überhaupt bereit war, zwei, drei Hefte in Kommission zu  nehmen, der räumte sie in den hintersten Winkel des Ladens, um sich ein Jahr später darüber zu beklagen, keine oder zu wenige Exemplare verkauft zu haben. Es war ein Elend, und ich sparte mir diese frustrierenden Ausflüge als Bittsteller bald ganz. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich spreche nicht von Buchkaufhäusern oder modischen Läden, die mehr Café oder Lounge sein wollen, ich spreche von jener Handvoll Buchhandlungen, die als kulturell wertvoll und engagiert gelten. Es ist traurig zu beobachten, wie der Buchhandel sich selbst abschafft, wo es doch nur ein Überlebensrezept gäbe: konsequente Spezialisierung, ein Sortiment, das man nicht in jeder Fußgängerzone findet – vielleicht sogar eine gewisse Auswahl an Literaturzeitschriften. Stattdessen orientiert man sich, wenn man nicht gleich auf den Non-Book-Bereich setzt, ängstlich am mainstream.

Die IDIOME, die in kaum einer Buchhandlung zu finden sind, können gleichwohl in jeder bestellt werden, selbstverständlich auch direkt beim Verlag. Gleichzeitig arbeiten wir aber auch daran, zumindest einige Vertriebsstellen abseits des Buchhandels zu schaffen. Im Moment sind das die Galerie MAERZ in Linz und die Kneipe von Bert Papenfuß in Berlin, Rumbalotte Continua.

Extremgebärden in Graz


Vor unvordenklichen Zeiten war das Forum Stadtpark zu Graz einmal ein Ort für progressive Literatur. Aber die Grazer, die „auszogen, die Literatur zu erobern“, taten das bereits in den siebziger Jahren nicht mehr mit formalen Experimenten, sondern mit einer zunehmend angepaßten und marktkonformen „postexperimentellen“ Literatur, die Graz zeitweise immerhin den Nimbus der „heimlichen Literaturhauptstadt“ einbrachte. Reinhard Priessnitz und Mechthild Rausch haben in ihrem Aufsatz „tribut an die tradition“ dazu bereits 1975 alles Nötige gesagt. Daß sich nach Jahrzehnten der Stagnation im Forum literarisch wieder etwas regt, ist Max Höfler zu danken, der sich dort für die avancierte Literatur ins Zeug legt. Der Autor des „rabiatkomödienromans“ texas als texttitel tritt mit seinem Buch zudem den erfreulichen Beweis an, daß die spielerischen Experimente der Neoavantgarde in den fünfziger und sechziger Jahren unter den jüngeren österreichischen Autoren doch nicht ganz ohne Echo bleiben.

Das kommende Wochenende, an dem ich das Vergnügen haben werde, zusammen mit u.a. Ann Cotten, Bert Papenfuß und Ulf Stolterfoht im Forum Stadtpark aufzutreten und aus meinem Ruhrtext zu lesen, kündigt Max Höfler wie folgt an: „Die Leistungsschau der von vielen als experimentell und / oder avanciert genannten LITERATUR wird das Sommerloch nachhaltigst mittels internationaler Satzzeichen, Ober-Dada-Halligalli, Berliner Revoltenschnauzen und Extremgebärden gestopft oder eventuell in einem extra angefertigten Sommerlochloch vergraben haben!“ Das läßt doch hoffen! Und außerdem sollen die beiden Veranstaltungen am 2. und am 3. September erstmals im Livestream zu verfolgen sein – für alle Skeptischen, die vor einer Reise nach Graz zurückschrecken und noch nicht so recht glauben wollen, daß sich am Forum wieder etwas tut.