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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Klever Verlag

Bücher des Jahres (II): Sabine Hassinger

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Mit Sabine Hassingers Die Taten und Laute des Tages ist im Klever Verlag eine »Prosakomposition« erschienen, die auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie mit einer reflexiven, klanglich und rhythmisch höchst kunstvoll gearbeiteten Prosa ein vielschichtiger Erzählzusammenhang adäquat gestaltet werden kann. Eine Vielzahl von Fäden entwickelt sich aus- und läuft ineinander, mehrere Perspektiven werden stets offen und präsent gehalten. Der Komplexität des »Beziehungsgeflechts« entspricht eine ebensolche sprachliche und erzählerische. In Heft 7 der IDIOME war im vergangenen Jahr ein Abschnitt aus Die Taten und Laute des Tages abgedruckt, den ich im Editorial wie folgt ankündigte – und dabei darauf hinweisen mußte, wie unglücklich die Rezeption dieses Prosaprojekts bisher sich abgespielt hatte:

Sabine Hassinger schlug eine fast beängstigende Welle an Unverständnis und Herablassung entgegen, als sie auf dem Klagenfurter Bachmann-Podium 2012 aus ihrem umfangreichen Prosa-Manuskript Die Taten und Laute des Tages las, das ausszugsweise in den IDIOMEN vorstellen zu können ich mich sehr freue. Es handelt sich um einen vielstimmigen Text, in dem mehrere narrative Ebenen kunstvoll und ohne aufdringlichen roten Faden ineinander geführt werden. In den achtziger Jahren hätte ein Literaturkritiker damit wahrscheinlich noch umgehen können. In Klagenfurt aber fiel einer der unsäglichen Jurorinnen zu dieser Prosa gleich die Literatur von Patienten des Landeskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Gugging ein, während eine Kollegin vom »Zeitmanagement« faselte, das es ihr nicht erlaube, sich mit komplizierter Literatur überhaupt erst zu befassen. Was hätte die versammelte Inkompetenz wohl gesagt, wenn Ingeborg Bachmann in der von ihr gehaßten Stadt aus Malina gelesen hätte?

Daß aus dem Manuskript ein Jahr später ein so lesen- und empfehlenswertes Buch werden konnte, erfreut!

Waltraud Seidlhofer zum 75. Geburtstag

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Waltraud Seidlhofer zählt zu den Autorinnen, die bereits in der allerersten Ausgabe der IDIOME vetreten waren und die Zeitschrift seither begleiten. Die 1939 in Linz geborene Schriftstellerin ist von der österreichischen Spielart der literarischen Neoavantgarde, der Wiener Gruppe und ihrem Umfeld, ebenso geprägt worden wie vom Nouveau Roman. In Heimrad Bäckers legendärer Linzer edition neue texte, damals eines der wichtigsten Foren für die deutschsprachige Avantgarde, veröffentlichte sie die Bände fassadentexte und geometrie einer landschaft. Ihr späteres Werk ist über diverse Kleinverlage verstreut, so erschienen in Christian Steinbachers Blattwerk Verlag in den neunziger Jahren ihr Prosa-Hauptwerk text: ein erinnern und ein Band mit ausgewählter Lyrik, der den schönen Titel anstelle von briefen trägt. Im Klever Verlag ist 2012 ihre Prosaarbeit Singapur oder Der Lauf der Dinge herausgekommen.

Als Lisa Spalt und ich für die 1. Ausgabe der IDIOME eine kleine Umfrage unter den Autorinnen und Autoren veranstalteten und sie den Satz „Prosa ist …“ vervollständigen ließen, bekamen wir die vielleicht schönste Antwort von Waltraud Seidlhofer:

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Im vergangenen Jahr war Waltraud Seidlhofer zu Gast in Berlin, wo sie am 30. April an der alljährlichen IDIOME-Veranstaltung in der Kulturspelunke Rumbalotte Continua teilnahm. Sie las dort ihren Text „wie ein fliessen die stadt“, der in Heft Nr. 6 abgedruckt ist und für ihre jahrzehntelange Beschäftigung mit Urbanistik und Architektur steht.

 

Gratulieren darf man Waltraud Seidlhofer heute nicht nur zu ihrem Geburtstag, sondern auch zum Georg Trakl Preis, den sie am 4. Dezember in Salzburg entgegennehmen wird. Manchmal – selten genug – trifft es die Richtigen und sogar eine Autorin, der es ausschließlich um die Sache geht und nicht um Wichtigtuerei im Literaturbetrieb.

IDIOME in Linz

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Am 15. Juni um 19.30 Uhr in der Galerie MAERZ, Eisenbahngasse 20, A-4020 Linz

Mit Max Höfler (Graz), Annette Hug (Zürich) & Urs Jaeggi (Berlin/Ciudad de México)

Konzept und Moderation dieser Ausgabe: Florian Neuner

Präsentation der 5. Ausgabe der „IDIOME. Hefte für Neue Prosa”

AUSSENSEITER nennt Urs Jaeggi seine in der 5. Ausgabe der von Ralph Klever und Florian Neuner herausgegebenen IDIOME abgedruckte Bildserie – passend zu den „Heften für Neue Prosa”, die eine Plattform für im Literaturbetrieb marginalisierte Prosa-Experimente sein wollen. Jaeggi schreibt hybride, zwischen Lyrik, Prosa und Essay changierende Texte, während Max Höfler die karnevaleske Seite der Avantgarde neu belebt und Annette Hug – nicht weniger spielerisch – simulative Szenarien entwirft.

Max Höfler, geb. 1978 in der Oststeiermark, lebt in Graz, wo er Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert hat und als Literaturbeauftragter im Forum Stadtpark arbeitet. Publikationen in Anthologien und Zeitschriften, vor allem in perspektive. hefte für zeitgenössische literatur. Wie kein anderer Autor seiner Generation knüpft Höfler an die spielerischen und karnevalesken Aspekte der Neoavantgarde an. Über sein 2010 im Ritter Verlag erschienenes Début Texas als Texttitel. Ein Rabiatkomödienroman schrieb Teresa Falk im Falter: „Die Befürchtung, in Höflers Text einer linearen Erzählung folgen zu müssen, muss jedenfalls nicht aufkommen.“

Annette Hug, geb. 1970, aufgewachsen in der Nähe von Zürich, wo sie heute lebt. Studium der Geschichte und Musikwissenschaften in Zürich sowie Women and Development Studies in Manila. Tätigkeit als Dozentin an der Fachhochschule Zentralschweiz und als Gewerkschaftssekretärin. Im Rotpunktverlag sind die Romane Lady Berta (2008) und In Zelenys Zimmer (2010) erschienen. Über die um die Psychoanalytikerin Zeleny gruppierten Texte schrieb Beatrice Eichmann-Leutenegger in der Neuen Zürcher Zeitung: „Alle diese Geschichten entsprechen einem work in progress, das Vera Zeleny zwar mit den richtigen Fragen zur richtigen Zeit in Gang bringt, aber nicht an ein endgültiges Ziel.”

Urs Jaeggi, geb. 1931 in Solothurn, lebt in Berlin und Ciudad de México. Er hatte Soziologie-Professuren an der Ruhr-Universität Bochum und an der Freien Universität Berlin inne und établierte sich daneben auch als literarischer Autor, so mit den Romanen Brandeis (Luchterhand 1978), Grundrisse (Luchterhand 1981) oder Soulthorn (Ammann 1990). In den neunziger Jahren Hinwendung zur bildenden Kunst und zu experimentellen Schreibweisen. Zuletzt: Weder noch etwas (Ritter Verlag 2008), wie wir (Huber Verlag 2009), Eudora (Huber Verlag 2010). Zu Jaeggis 80. Geburtstag erschien 2011 bei Stroemfeld der von Rolf Külz-Mackenzie und Hannes Schwenger herausgegebene Band grenz/über.

IDIOME ins Netz

Die Literaturzeitschrift IDIOME. Hefte für Neue Prosa habe ich 2007 gemeinsam mit Lisa Spalt ins Leben gerufen. Inzwischen erscheint sie im Klever Verlag, seit der 3. Ausgabe gebe ich sie gemeinsam mit dem Verleger Ralph Klever heraus. Die IDIOME erscheinen nur einmal im Jahr – und das ist auch gut so, erlaubt uns dieses gemächliche Publizieren doch, wirklich nur Texte zu bringen, die wir für relevant und diskussionswürdig halten, die Hefte nicht „füllen“ zu müssen. Ein jährliches Erscheinen ist übrigens auch die äußerste Grenze, um noch als Periodikum durchgehen zu können. Wie auch immer – der Nachteil besteht natürlich darin, so nicht auf aktuelle Diskussionen reagieren, intervenieren, nicht auf wichtige Publikationen und Veranstaltungen hinweisen zu können. Dem soll dieser Blog nun abhelfen und da und dort das Wort ergreifen, wo es um die immer mehr marginalisierte avancierte Prosa jenseits von Roman und short story geht. Wir werden unsere Zeit aber sicher nicht damit verschwenden, den laufenden Schwachsinn des Literaturbetriebs von Bachmann-Wettlesen bis Buchmessenpreis zu kommentieren und höchstens ab und an auf Fehlentwicklungen und exemplarisch Schlechtes eingehen.

In einer Zeit, in der es nahezu unmöglich geworden ist, sich in den sogenannten großen Feuilletons über zeitgenössische Sprachkunst zu informieren, übernehmen mehr und mehr Projekte im Netz diese Aufgabe. Hier sei stellvertretend nur auf Christiane Zintzens Blog in|ad|ae|qu|at verwiesen. Da auch der Buchhandel dabei ist, sich abzuschaffen und selbst die allermeisten unabhängigen Buchhändler auf Massenware setzen anstatt sich durch Spezialisierung unentbehrlich zu machen, wird die Bedeutung des World Wide Web zweifellos auch auf dem Feld der Distribution an Bedeutung gewinnen. Urs Engelers roughbooks machen heute schon vor, wohin die Reise geht. Literaturzeitschriften hatten es ohnehin immer schon noch schwerer als Kleinverlage, selbst in „gut sortierten“ literarischen Buchhandlungen sind sie nicht mehr gelitten.

Dieser Blog begreift sich als eigenes Medium und nicht etwa als Werbeauftritt der IDIOME. Es handelt sich auch um keine Internet-Literaturzeitschrift. Wir werden weder die in den IDIOMEN abgedruckten Texte ins Netz stellen noch das Zeitschriftenprojekt durch die Publikation literarischer Primärtexte virtuell verlängern. Zur Printausgabe und dem etwa auf dem Podium des Wiener Literaturhauses gepflegten Diskurs um Neue Prosa, den IDIOME-Prosawerkstätten, soll vielmehr ein eigenständiges Instrument treten. Mal sehen, was da wird.