neue prosa

IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Monat: August, 2011

Extremgebärden in Graz


Vor unvordenklichen Zeiten war das Forum Stadtpark zu Graz einmal ein Ort für progressive Literatur. Aber die Grazer, die „auszogen, die Literatur zu erobern“, taten das bereits in den siebziger Jahren nicht mehr mit formalen Experimenten, sondern mit einer zunehmend angepaßten und marktkonformen „postexperimentellen“ Literatur, die Graz zeitweise immerhin den Nimbus der „heimlichen Literaturhauptstadt“ einbrachte. Reinhard Priessnitz und Mechthild Rausch haben in ihrem Aufsatz „tribut an die tradition“ dazu bereits 1975 alles Nötige gesagt. Daß sich nach Jahrzehnten der Stagnation im Forum literarisch wieder etwas regt, ist Max Höfler zu danken, der sich dort für die avancierte Literatur ins Zeug legt. Der Autor des „rabiatkomödienromans“ texas als texttitel tritt mit seinem Buch zudem den erfreulichen Beweis an, daß die spielerischen Experimente der Neoavantgarde in den fünfziger und sechziger Jahren unter den jüngeren österreichischen Autoren doch nicht ganz ohne Echo bleiben.

Das kommende Wochenende, an dem ich das Vergnügen haben werde, zusammen mit u.a. Ann Cotten, Bert Papenfuß und Ulf Stolterfoht im Forum Stadtpark aufzutreten und aus meinem Ruhrtext zu lesen, kündigt Max Höfler wie folgt an: „Die Leistungsschau der von vielen als experimentell und / oder avanciert genannten LITERATUR wird das Sommerloch nachhaltigst mittels internationaler Satzzeichen, Ober-Dada-Halligalli, Berliner Revoltenschnauzen und Extremgebärden gestopft oder eventuell in einem extra angefertigten Sommerlochloch vergraben haben!“ Das läßt doch hoffen! Und außerdem sollen die beiden Veranstaltungen am 2. und am 3. September erstmals im Livestream zu verfolgen sein – für alle Skeptischen, die vor einer Reise nach Graz zurückschrecken und noch nicht so recht glauben wollen, daß sich am Forum wieder etwas tut.

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Das „Papier für neue Texte“ entdeckt die Prosa

Die Leipziger Literaturzeitschrift Edit widmet ihre Frühjahrsausgabe ganz der Prosa und versucht das dem Leser als ungewöhnliches Konzept zu verkaufen. Warum über Prosa als Gattung geschwiegen werde, fragt sich die Redaktion: „Warum scheint es hier – anders als in der Lyrik – keinen Bedarf zur Selbstreflexion zu geben?“ – und liefert die Antwort gleich unfreiwillig mit, wenn sie berichtet: „Manche hatten wegen Romanarbeiten keine Zeit sich mit Prosa auseinanderzusetzen oder erklärten sich schlicht nicht für ernsthaft genug.“ Wer zeitgenössische Prosa vornehmlich als Romanproduktion begreift, der wird eben nicht auf die Autorinnen und Autoren stoßen, für die das Schreiben von Prosa eine autoreflexive Tätigkeit ist. Andererseits würden die Romanciers, für deren Produkte in der Prosa-Ausgabe der Edit in bezahlten Anzeigen geworben wird, vielleicht derartige Romane gar nicht schreiben, fänden sie nur die Zeit, sich mit Prosa auseinanderzusetzen, oder widmeten sie sich ihrem Handwerk ernsthafter.

Daß die Edit-Redaktion ihre Diagnose, zeitgenössische Prosa-Autoren vermieden eine poetologische Reflexion ihres Tuns, nicht aufrechterhalten hätte können, hätte sie den „Heften für Neue Prosa“ Beachtung geschenkt (die schon in ihrer 1. Ausgabe eine Umfrage zum Thema „Prosa ist …“ enthielten, wie sie jetzt auch die Leipziger präsentieren), sei nur am Rande vermerkt. Da wir nicht glauben, daß die Redaktion vor einer kleinen Internet-Recherche zum Thema zurückgeschreckt ist, die sie auf diese Hefte ja aufmerksam machen hätte müssen, wird es daran liegen, daß man sich dort nicht oder nur am Rande für eine avancierte Prosa als Sprachkunst interessiert. Dafür spricht auch, daß Autoren, die man dem wie auch immer weiteren Umfeld der IDIOME zurechnen könnte (Lisa Spalt beispielsweise oder Martin Lechner) in der Edit nur eine untergeordnete Rolle spielen. So vergleicht Nora Bossong das Verhältnis von Prosa und Film mit dem zwischen Bahn und Flugzeug, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Nur weil es das Flugzeug gibt, braucht die Bahn nicht verschrottet zu werden.“ In ihrem an Platitüden reichen Text lesen wir auch: „Ein Roman ist mehr als Narration, Handlung, Abfilmbares.“ – nämlich „Sprache“. Wer hätte das gedacht?

Nun sind nicht alle Beiträge so platt wie der von Nora Bossong. Aber nur mit dem Paradigma heutiger marktgängiger Romane als unhinterfragte Folie läßt sich wohl verstehen, warum Tobias Hülswitt gegen das „lineare Erzählen“ anschreiben zu müssen glaubt – ein Kampf gegen eine Windmühle, wenn man modernistische Traditionen in der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht vollends ignoriert. Seltsam auch, daß Thomas von Steinaecker sich von einer „formalistischen“ Literatur abgrenzen zu müssen glaubt, als wäre er in den fünfziger Jahren vom Schriftstellerverband der DDR zum Rapport einbestellt. Diese lasse die Radikalität, die sie bei der „Sprachbearbeitung“ (sic!) an den Tag lege, „im Fabulieren“ vermissen – eine Opposition, die so wenig einleuchtet wie Steinaeckers ungeschickt als „formal-fabulierendes Konzept“ bezeichneter vermeintlicher dritter Weg. Aseptische Experimente um des Experimentierens willen, findet man – wenn überhaupt – doch eher in der Lyrik. Und erfreut die Prosa eines Paul Wühr oder ein Roman wie Jürgen Links Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee mit seinen Simulationen nicht mit ungleich mehr Fabulierlust als der zeitgenössische Mainstream-Roman mit einem Plot à la „M. hat sich das Leben genommen. Ihr Selbstmord führt ihre Zwillingsschwester und deren Lebensgefährten an den Ort der gemeinsamen Kindheit in die süddeutsche Provinz“?

Man könnte sich auch fragen, warum Norbert Hummelt sich wortreich dafür rechtfertigt, bisher noch keinen Roman geschrieben zu haben und darüber wundern, daß Sabine Scholl sich mit einem sympathischen Plädoyer für kleine Formen als Gegengift zum „großen Roman“ vernehmen läßt, obwohl sie selbst in jüngster Zeit mit zwei Romanen hervorgetreten ist. Und wenn Ilma Rakusa und Ferdinand Schmatz sich darin einig sind, daß Prosa eine „Feier der Sprache“ sein soll, dann klingt das doch etwas zu bombastisch. Daß man sich auch mit Büchern von Nanni Balestrini, Ronald Pohl oder Ulrich Schlotmann beschäftigen könnte, darauf verweist immerhin eine Art Sammelrezension von Tobias Amslinger, das Prosa-Sonderheft beschließend.

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Vermuteter Treffpunkt des Comités für Neue Prosa in Berlin-Moabit