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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Ann Cotten

Bücher des Jahres (III): Sebastian Kiefer

9783849811143

Ulrich Schlotmanns 2009 erschienenes opus magnum Die Freuden der Jagd ist eines der faszinierendsten Sprachkunstwerke vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Die IDIOME haben nicht nur die Entstehung dieses Textes begleitet, in dem mit einem ganzen Universum an sprachlichen Schablonen und Sprechhaltungen das Thema Männlichkeitskonstruktionen umkreist wird. Auch wurden in den »Heften für Neue Prosa« Versuche gemacht, die Rezeption  dieses Hauptwerks zeitgenössischer reflexiver Prosa voranzutreiben. So waren in Heft 3 Notizen zur Schlotmann-Lektüre von Ann Cotten zu lesen, in Heft 7 folgte ein Essay von Sebastian Kiefer mit dem Titel »Der heitere Untergang des Erzählers im übermächtigen Material«. Dort heißt es über Schlotmanns Text:

Alles ist fantastisch bunt und zugleich nihilistisch zerbröselt. Es ist eine Welt der überbordenden Sinnfülle und naturhaften Lebensvielfalt der Redeweisen – aber auch eine Welt, in der papageienhaftes Dauerplap- pern jeden klaren Gedanken erstickt. Eine schier unbegrenzte Verfügungskraft über die Totalität des Materials ist am Werke, zugleich ist die Sprechproduktion ohnmächtig der Materialübermacht ausgesetzt. Das seiner welt- und stoffbeherrschenden Ordnungssouveränität (scheinbar) beraubte Produktions-Ich jauchzt, während es erschlagen oder dissoziiert wird, und lechzt nach mehr Material, nach tieferer Verstrickung. Die textdefinierte Produktionsinstanz badet mit kindlichem Genuß in der Materialmenge und irrt zugleich zwanghaft umher zwischen auftauchenden, aufgelesenen und einschießenden Sprachfetzen, Tönen, Nachklängen, Brechungen, Verbalmüll, weil es sich gleichsam ganz ›unvernünftig‹ das Leben schwer macht in seiner obsessiven Fixierung auf Zweitverwertung. Wiewohl jede poetologische Frage wird auch diese Rolle der Zweitverwertung im Text selbst in verschiedenen Varianten durchgespielt, teils in lustvoller Imitation von »theoretischer Selbstreflexion«, teils camoufliert und wortkabarettistisch.

Vom Umfang schon damals kaum zu bändigen und auf Zeitschriftenlänge zurechtzukürzen, wuchs sich Kiefers Schlotmann-Lektüre schließlich zu einem eigenen Buch aus – zu einer der raren Studien über ein Werk avancierter Prosa, dessen Erscheinen im Aisthesis Verlag unter dem Titel »Der Mann der in den Wald (hinein)geht …« in diesem Jahr begrüßt werden durfte.

IDIOME in Berlin

Am Donnerstag, den 27. September um 20.30 Uhr wird die aktuelle Ausgabe der IDIOME in der Kulturspelunke Rumbalotte Continua, Metzer Str. 9, 10405 Berlin, vorgestellt.

Mit CraussFlorian NeunerUlrich Schlotmann und Stefan Schweiger.

2007 von Florian Neuner und Lisa Spalt ins Leben gerufen, ist die Zeitschrift IDIOME von Anfang an zwischen Wien und Berlin entstanden und widmet sich seit der ersten Ausgabe avancierter Prosa aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wobei das Spektrum von historischen Texten der Neoavantgarde in Erst- und Wiederveröffentlichungen (Chris Bezzel, Dieter Roth) bis zur jüngsten Literatur (Ann Cotten, Robert Prosser) reicht. Bereits im Editorial der 2. Ausgabe konnte Florian Neuner, der die IDIOME heute gemeinsam mit Ralph Klever herausgibt, resümieren: „Die Resonanz, welche das Vorhaben, ‚Hefte für Neue Prosa‘ herauszubringen, bereits in seinem Planungsstadium auslöste, ließ nur einen Schluß zu: Darauf hatten einige gewartet. Und nicht nur die Autorinnen und Autoren, die sich noch immer nicht davon haben abbringen lassen, an einer Prosa jenseits von Roman und short story zu schreiben, goutierten das von mir gemeinsam mit Lisa Spalt auf den Weg gebrachte Projekt. Die in den IDIOMEN abgedruckte Sprachkunst hat auch ein Publikum erreicht.“

Crauss Geb. 1971, lebt in Siegen, zuletzt: Lakritzvergiftung (Verlagshaus J. Frank, Berlin, 2011)

Florian Neuner Geb. 1972, lebt in Berlin, zuletzt: Satzteillager (Klever, Wien, 2011)

Ulrich Schlotmann Geb. 1962, lebt in Berlin, zuletzt: Die Freuden der Jagd (Urs Engeler, Basel, 2009)

Stefan Schweiger Geb. 1967, lebt in Berlin, zuletzt: Ruptus. Marktgeschehen (Ritter, Klagenfurt, 2012)

Eintritt frei!

Extremgebärden in Graz


Vor unvordenklichen Zeiten war das Forum Stadtpark zu Graz einmal ein Ort für progressive Literatur. Aber die Grazer, die „auszogen, die Literatur zu erobern“, taten das bereits in den siebziger Jahren nicht mehr mit formalen Experimenten, sondern mit einer zunehmend angepaßten und marktkonformen „postexperimentellen“ Literatur, die Graz zeitweise immerhin den Nimbus der „heimlichen Literaturhauptstadt“ einbrachte. Reinhard Priessnitz und Mechthild Rausch haben in ihrem Aufsatz „tribut an die tradition“ dazu bereits 1975 alles Nötige gesagt. Daß sich nach Jahrzehnten der Stagnation im Forum literarisch wieder etwas regt, ist Max Höfler zu danken, der sich dort für die avancierte Literatur ins Zeug legt. Der Autor des „rabiatkomödienromans“ texas als texttitel tritt mit seinem Buch zudem den erfreulichen Beweis an, daß die spielerischen Experimente der Neoavantgarde in den fünfziger und sechziger Jahren unter den jüngeren österreichischen Autoren doch nicht ganz ohne Echo bleiben.

Das kommende Wochenende, an dem ich das Vergnügen haben werde, zusammen mit u.a. Ann Cotten, Bert Papenfuß und Ulf Stolterfoht im Forum Stadtpark aufzutreten und aus meinem Ruhrtext zu lesen, kündigt Max Höfler wie folgt an: „Die Leistungsschau der von vielen als experimentell und / oder avanciert genannten LITERATUR wird das Sommerloch nachhaltigst mittels internationaler Satzzeichen, Ober-Dada-Halligalli, Berliner Revoltenschnauzen und Extremgebärden gestopft oder eventuell in einem extra angefertigten Sommerlochloch vergraben haben!“ Das läßt doch hoffen! Und außerdem sollen die beiden Veranstaltungen am 2. und am 3. September erstmals im Livestream zu verfolgen sein – für alle Skeptischen, die vor einer Reise nach Graz zurückschrecken und noch nicht so recht glauben wollen, daß sich am Forum wieder etwas tut.