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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Prosa

Das „Papier für neue Texte“ entdeckt die Prosa

Die Leipziger Literaturzeitschrift Edit widmet ihre Frühjahrsausgabe ganz der Prosa und versucht das dem Leser als ungewöhnliches Konzept zu verkaufen. Warum über Prosa als Gattung geschwiegen werde, fragt sich die Redaktion: „Warum scheint es hier – anders als in der Lyrik – keinen Bedarf zur Selbstreflexion zu geben?“ – und liefert die Antwort gleich unfreiwillig mit, wenn sie berichtet: „Manche hatten wegen Romanarbeiten keine Zeit sich mit Prosa auseinanderzusetzen oder erklärten sich schlicht nicht für ernsthaft genug.“ Wer zeitgenössische Prosa vornehmlich als Romanproduktion begreift, der wird eben nicht auf die Autorinnen und Autoren stoßen, für die das Schreiben von Prosa eine autoreflexive Tätigkeit ist. Andererseits würden die Romanciers, für deren Produkte in der Prosa-Ausgabe der Edit in bezahlten Anzeigen geworben wird, vielleicht derartige Romane gar nicht schreiben, fänden sie nur die Zeit, sich mit Prosa auseinanderzusetzen, oder widmeten sie sich ihrem Handwerk ernsthafter.

Daß die Edit-Redaktion ihre Diagnose, zeitgenössische Prosa-Autoren vermieden eine poetologische Reflexion ihres Tuns, nicht aufrechterhalten hätte können, hätte sie den „Heften für Neue Prosa“ Beachtung geschenkt (die schon in ihrer 1. Ausgabe eine Umfrage zum Thema „Prosa ist …“ enthielten, wie sie jetzt auch die Leipziger präsentieren), sei nur am Rande vermerkt. Da wir nicht glauben, daß die Redaktion vor einer kleinen Internet-Recherche zum Thema zurückgeschreckt ist, die sie auf diese Hefte ja aufmerksam machen hätte müssen, wird es daran liegen, daß man sich dort nicht oder nur am Rande für eine avancierte Prosa als Sprachkunst interessiert. Dafür spricht auch, daß Autoren, die man dem wie auch immer weiteren Umfeld der IDIOME zurechnen könnte (Lisa Spalt beispielsweise oder Martin Lechner) in der Edit nur eine untergeordnete Rolle spielen. So vergleicht Nora Bossong das Verhältnis von Prosa und Film mit dem zwischen Bahn und Flugzeug, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Nur weil es das Flugzeug gibt, braucht die Bahn nicht verschrottet zu werden.“ In ihrem an Platitüden reichen Text lesen wir auch: „Ein Roman ist mehr als Narration, Handlung, Abfilmbares.“ – nämlich „Sprache“. Wer hätte das gedacht?

Nun sind nicht alle Beiträge so platt wie der von Nora Bossong. Aber nur mit dem Paradigma heutiger marktgängiger Romane als unhinterfragte Folie läßt sich wohl verstehen, warum Tobias Hülswitt gegen das „lineare Erzählen“ anschreiben zu müssen glaubt – ein Kampf gegen eine Windmühle, wenn man modernistische Traditionen in der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht vollends ignoriert. Seltsam auch, daß Thomas von Steinaecker sich von einer „formalistischen“ Literatur abgrenzen zu müssen glaubt, als wäre er in den fünfziger Jahren vom Schriftstellerverband der DDR zum Rapport einbestellt. Diese lasse die Radikalität, die sie bei der „Sprachbearbeitung“ (sic!) an den Tag lege, „im Fabulieren“ vermissen – eine Opposition, die so wenig einleuchtet wie Steinaeckers ungeschickt als „formal-fabulierendes Konzept“ bezeichneter vermeintlicher dritter Weg. Aseptische Experimente um des Experimentierens willen, findet man – wenn überhaupt – doch eher in der Lyrik. Und erfreut die Prosa eines Paul Wühr oder ein Roman wie Jürgen Links Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee mit seinen Simulationen nicht mit ungleich mehr Fabulierlust als der zeitgenössische Mainstream-Roman mit einem Plot à la „M. hat sich das Leben genommen. Ihr Selbstmord führt ihre Zwillingsschwester und deren Lebensgefährten an den Ort der gemeinsamen Kindheit in die süddeutsche Provinz“?

Man könnte sich auch fragen, warum Norbert Hummelt sich wortreich dafür rechtfertigt, bisher noch keinen Roman geschrieben zu haben und darüber wundern, daß Sabine Scholl sich mit einem sympathischen Plädoyer für kleine Formen als Gegengift zum „großen Roman“ vernehmen läßt, obwohl sie selbst in jüngster Zeit mit zwei Romanen hervorgetreten ist. Und wenn Ilma Rakusa und Ferdinand Schmatz sich darin einig sind, daß Prosa eine „Feier der Sprache“ sein soll, dann klingt das doch etwas zu bombastisch. Daß man sich auch mit Büchern von Nanni Balestrini, Ronald Pohl oder Ulrich Schlotmann beschäftigen könnte, darauf verweist immerhin eine Art Sammelrezension von Tobias Amslinger, das Prosa-Sonderheft beschließend.

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IDIOME ins Netz

Die Literaturzeitschrift IDIOME. Hefte für Neue Prosa habe ich 2007 gemeinsam mit Lisa Spalt ins Leben gerufen. Inzwischen erscheint sie im Klever Verlag, seit der 3. Ausgabe gebe ich sie gemeinsam mit dem Verleger Ralph Klever heraus. Die IDIOME erscheinen nur einmal im Jahr – und das ist auch gut so, erlaubt uns dieses gemächliche Publizieren doch, wirklich nur Texte zu bringen, die wir für relevant und diskussionswürdig halten, die Hefte nicht „füllen“ zu müssen. Ein jährliches Erscheinen ist übrigens auch die äußerste Grenze, um noch als Periodikum durchgehen zu können. Wie auch immer – der Nachteil besteht natürlich darin, so nicht auf aktuelle Diskussionen reagieren, intervenieren, nicht auf wichtige Publikationen und Veranstaltungen hinweisen zu können. Dem soll dieser Blog nun abhelfen und da und dort das Wort ergreifen, wo es um die immer mehr marginalisierte avancierte Prosa jenseits von Roman und short story geht. Wir werden unsere Zeit aber sicher nicht damit verschwenden, den laufenden Schwachsinn des Literaturbetriebs von Bachmann-Wettlesen bis Buchmessenpreis zu kommentieren und höchstens ab und an auf Fehlentwicklungen und exemplarisch Schlechtes eingehen.

In einer Zeit, in der es nahezu unmöglich geworden ist, sich in den sogenannten großen Feuilletons über zeitgenössische Sprachkunst zu informieren, übernehmen mehr und mehr Projekte im Netz diese Aufgabe. Hier sei stellvertretend nur auf Christiane Zintzens Blog in|ad|ae|qu|at verwiesen. Da auch der Buchhandel dabei ist, sich abzuschaffen und selbst die allermeisten unabhängigen Buchhändler auf Massenware setzen anstatt sich durch Spezialisierung unentbehrlich zu machen, wird die Bedeutung des World Wide Web zweifellos auch auf dem Feld der Distribution an Bedeutung gewinnen. Urs Engelers roughbooks machen heute schon vor, wohin die Reise geht. Literaturzeitschriften hatten es ohnehin immer schon noch schwerer als Kleinverlage, selbst in „gut sortierten“ literarischen Buchhandlungen sind sie nicht mehr gelitten.

Dieser Blog begreift sich als eigenes Medium und nicht etwa als Werbeauftritt der IDIOME. Es handelt sich auch um keine Internet-Literaturzeitschrift. Wir werden weder die in den IDIOMEN abgedruckten Texte ins Netz stellen noch das Zeitschriftenprojekt durch die Publikation literarischer Primärtexte virtuell verlängern. Zur Printausgabe und dem etwa auf dem Podium des Wiener Literaturhauses gepflegten Diskurs um Neue Prosa, den IDIOME-Prosawerkstätten, soll vielmehr ein eigenständiges Instrument treten. Mal sehen, was da wird.