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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Helene Hegemann

Blog, Block

 

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Wer längere Zeit in einem Blog nichts Neues bringt, kann schon ein schlechtes Gewissen bekommen. Auf wievieles hätte er schnell und unkompliziert reagieren können und hat es doch unterlassen? Dazu wurde dieser Blog doch eingerichtet! Andererseits liegt es angesichts der rezenten Auseinandersetzung mit Literatur in den Feuilletons und auf den maßgeblichen Podien sehr nahe, darauf mit resigniertem Achselzucken zu reagieren. Und bestätigt man nicht die »Wichtigkeit« dieser Wortführer, wenn man sich von ihnen die Themen vorgeben läßt und diese in Nischen und Foren diskutiert, die von ihnen nicht einmal ignoriert werden, zu ihrer weiteren Proliferation beiträgt? Im Editorial der aktuellen IDIOME schrieb ich:

Einmal mehr stellt sich angesichts des Niveaus solcher Debatten die Frage: Wo steigt man ein, wo besser wieder aus? Was identifiziert man als das mediale Dauerrauschen, das man – nunja, doch besser an sich vorbeirauschen läßt? Wo wird es eventuell gefährlich? Kann, ja möchte man eigentlich mit Leuten diskutieren, die Wolfgang Herrndorf für einen bedeutenden Schriftsteller halten und sich auf vielen Feuilleton-Seiten mit Helene Hegemann auseinandersetzen? Gescheiter ist es sicher, seine Zeit anders zu nutzen.

Allerdings – und das schmälert mein schlechtes Gewissen auch wieder: Nicht einmal der Suhrkamp Verlag mit seinen gewiß nicht unerheblichen personellen und sonstigen Kapazitäten, schafft es offensichtlich, aus seinem Blog, der den anmaßenden Namen Logbuch. Deutschsprachige Literatur heute trägt, ein lebendiges Forum zu machen. Und die Autorinnen und Autoren haben anscheinend auch keine Lust, posten oft nur unerhebliche digitale Schnappschüsse. Viel passiert jedenfalls nicht, Kommentare: Fehlanzeige. Aufmerksam wurde ich auf den Blog, weil mich ein Freund auf den prätentiösen Stuß hinwies, den Durs Grünbein dort in einem »Brief« über seinen Gedichtzyklus Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond deponiert hat. Man liest Sätze wie: »Die Figur des Cyrano wiederum ist dazu angetan, von Anfang an das Gefühl für das Phantastische zu nähren.« Grünbein vergißt auch nicht auf den Hinweis: »Man muß sich auch nicht unbedingt in die Geschichte der Mondforschung vertiefen.« Nein, dazu möchte ich wirklich nichts sagen.

 

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Zu Protokoll (II)

Eine in der vergangenen Woche in der ZEIT erschienene Rezension beleuchtet den traurigen Tiefstand des Niveaus der Debatten um die Gegenwartsliteratur in den sogenannten großen Feuilletons, auch des literarhistorischen und -theoretischen Wissens von Leuten wie dem Literaturkritiker Ijoma Mangold, der besagten Text verantwortet. Es handelt sich um einen neuen Aufguß des schon lange beliebten Avantgarde-Bashings. Doch gilt die Polemik keineswegs Jürg Laederach oder Franz Josef Czernin – nein, Ziel ist ausgerechnet Felicitas Hoppe. Für oder gegen die Autorin läßt sich gewiß einiges vorbringen. Aber man wird ihren Namen doch kaum nennen, wenn es um besonders avancierte Positionen heutigen (Prosa)Schreibens geht. Für Mangold freilich ist auch ihre Position schon zu steil. Er glaubt, daß die „hymnische Rezeption“ ihres neuen Romans Hoppe „den Charakter eines Manifests“ hat:

Dieser Roman mag mit großem Geschick Locken auf einer Glatze drehen, aber er tut dies in Wahrheit gar nicht um der Locken willen, sondern er ist Politik, Literaturpolitik: Er will das Drehen von Locken auf einer Glatze zum wahren poetischen Glaubensbekenntnis erklären.

Mit dem „Drehen von Locken auf einer Glatze“ meint der ZEIT-Kritiker offenbar jede Art von reflexiver Literatur und erzählender Prosa, die ihre Fiktionalität auf Meta-Ebenen mitverhandelt – im Gegensatz zu autobiographisch scheinbar beglaubigter Romanschreiberei über Kindheiten in den siebziger Jahren oder in Agenturen und im Nachtleben gestresste Großstadt-Existenzen. Daß Hoppe hier als Beispiel für angeblich zu Artifizielles, Ausgedachtes herhalten muß, liegt vermutlich daran, daß Mangold die Bücher, in denen derlei längst konsequenter und konzeptuell anspruchsvoller durchexerziert wurde, gar nicht kennt. Nur nebenbei: Was er hier als Scheingefecht herbeiredet, wurde vor Dezennien einmal tatsächlich und auf weitaus höherem Niveau diskutiert: als Formalismusdebatte etwa Anfang der fünfziger Jahre in der DDR. Mangold aber behauptet:

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich alle genuin literaturkritischen Debatten (also nicht: Grass und Israel) immer um die Frage gedreht: Kunst oder Leben? Konstruktion oder Erlebnis? Form oder Inhalt? Künstlichkeit oder Authentizität? Von Maxim Biller über Volker Weidermanns Lichtjahre bis zu Helene Hegemann und Charlotte Roche arbeitete man sich an dieser unfruchtbaren Alternative ab, als gäbe es das eine ohne das andere. Als wäre es für ein ganzes, reiches Leben sinnvoll, sich für eine Seite zu entscheiden. Als hätte die Literatur nicht wie in des Vaters Haus viele Wohnungen. Als wäre es nicht völlig klar, dass Bücher aus Buchstaben bestehen, und als wäre es nicht ebenso offensichtlich, dass diese Buchstaben, je kunstvoller sie gesetzt sind, uns manchmal wahrer als das Leben erscheinen.

Man muß wohl mit der Betriebsblindheit eines Feuilleton-Redakteurs geschlagen sein, um den künstlichen Aufruhr um die Machwerke von Biller, Hegemann & Co., den man selbst mitinszeniert hat, für die „literaturkritischen Debatten“ der letzten Jahre zu halten. Und zumindest hoffe ich, daß es auch an den germanistischen Instituten noch nicht so weit gekommen ist, daß man dort über Bücher wie die von Volker Weidermann diskutiert. Mir wurde schon im ersten literaturwissenschaftlichen Proseminar der grundsätzlich fiktionale Charakter von literarischen Texten nahegebracht. Mit literaturwissenschaftlichem Grundwissen jedenfalls würden sich diese Schein-Oppositionen echt vs. papieren erübrigen. Felicitas Hoppe aber unterstellt Mangold ein naives Calcul:

Alle, so lautet die Prämisse von Hoppe, schreiben diese autobiografisch beglaubigten Romane, mit echtem Blut, mit echten Tränen, mit echtem Sperma, bei denen sich der Leser am wahren Leben weidet – das könnt ihr auch von mir haben, hier schreibe ich euch meine Autobiografie, und dann werdet ihr begreifen, dass der Schriftsteller, je häufiger er „ich“ sagt, nur desto mehr lügt. Weil es in der Literatur nicht um die Wahrheit, sondern um die Einbildungskraft geht.