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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Fjodor Dostojewskij

Zu Protokoll (V)

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Eine Freundin machte mich kürzlich auf einen Artikel im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung aufmerksam, der sie ob der Plumpheit der Argumentation erschreckt und den sie in diesem »Qualitätsmedium« nicht erwartet hatte: Wir schreiben Ende Juli, das Sommerloch wird auch in den Feuilletons mit allerlei unnötigen Texten zum Anschlag von Nizza und – kurz darauf – den Amokläufen in Bayern geflutet. Bereits die Überschrift des Artikels von Willi Winkler ist an Dummdreistigkeit kaum zu überbieten: »Wie die Literatur den Terror erfand«.

»Erfunden« hat »den Terror« bekanntlich weder die Literatur noch irgendein Literat. Das ficht Winkler aber nicht an. Ihm genügt ein allbekanntes Zitat von André Breton für seine krude These:

(…) mit seinem »Zweiten surrealistischen Manifest« stellte Breton 1930 nicht nur der französischen Avantgarde einen Freibrief aus: »Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen.« Es hat funktioniert.

Was soll da »funktioniert« haben? Tatsächlich läßt sich Winklers Kommentar nur so lesen, als habe Breton zu Gewaltakten wie dem von Nizza aufrufen wollen und als hätte er sich gefreut und bestätigt gefühlt, wenn er die Anschläge von Paris und Nizza noch erleben hätte dürfen. Niemand wird das für eine diskussionswürdige These halten – außer Willi Winkler: Er entblödet sich nicht einmal, von einer »Lizenz zum Töten« zu sprechen – erteilt von André Breton! Zwar räumt er ein, daß der IS sich »kaum« (vielleicht ja doch?) auf den Franzosen berufen werde, aber:

(…) wie Breton verspricht sich der Terrorist einzig von der Gewalt das gewünschte Ergebnis, nämlich maßloses Aufsehen, Furcht und Schrecken, den reinen Terror.

Für den Literaturkritiker macht es also keinen Unterschied, ob jemand Dutzende Menschen tatsächlich um ihr Leben bringt oder ob ein terroristischer Akt in einem literarischen Text, und sei es einem Manifest, imaginiert wird. Zwar verfaßte Breton später auch noch ein Manifest »Für eine unabhängige revolutionäre Kunst« und trat gegen den Algerienkrieg auf. Von Gewaltverbrechen, für die man ihn verantwortlich machen würde, ist allerdings nichts bekannt geworden. Aber selbst wenn man – anders als Winkler – dazu in der Lage ist, fiktionale Texte von Tatsachen-Behauptungen zu unterscheiden: Nie und nimmer gibt es direkte kausale Verbindungen zwischen Verbrechen, die in Fiktionen imaginiert werden, und realen Straftaten. Nach jedem Amoklauf müssen Fachleute auf die diesbezüglichen aufgeregten Journalistenfragen geduldig erklären, daß es keine Beweise dafür gibt, daß Amokläufer durch den Konsum von gewaltverherrlichenden Computerspielen herangezüchtet würden.

Nähme man Willi Winkler ernst, man müßte sich auch Sorgen machen ob des nicht endenwollenden Booms an Kriminalliteratur. Der SZ-Feuilletonist, der Breton genauso wenig verstanden hat wie Dostojewskij, scheint sich diese Sorgen tatsächlich zu machen und schreibt:

Die Literatur, die Kunst insgesamt, schwärmt seit Fjodor Dostojewski für den Mörder, der damit zum modernen Heiligen erhoben wird.

Natürlich »schwärmt« Dostojewskij nicht für »den Mörder«. In seinen Romanen werden anhand exemplarischer Figuren moralische und ideologische Fragen sowie Handlungsoptionen diskutiert und problematisiert. Aber selbst die ganzen Trivial-Autoren, die den Buchmarkt mit ihren Krimis überschwemmen, würde man nicht mal dann ernsthaft dafür verantwortlich machen, sollte die Mordrate irgendwo steigen, wo ihre Bücher sich gut verkaufen. Angesichts von Literaturkritikern wie Willi Winkler erscheint der Niedergang der Printmedien und ihrer Feuilletons nicht als Drohung, sondern als Hoffnungsschimmer.

Johann Holzkopf

Nun soll es also Rainald Goetz gerichtet und endlich „einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit“ (Spiegel online) geliefert, d. h. mit ästhetischen Mitteln von gestern die gegenwärtige „Krise“ begreifbar gemacht haben. Wie soll das aber gehen? Wenn man von dem regressiven Wunsch absieht, die Zeit ließe sich noch einmal in einen „großen“ Roman fassen wie weiland bei Dostojewskij, scheint es gar nicht so absurd, an den bayerischen Schriftsteller zu denken, denn Goetz hat in der Tat bemerkenswerte Prosa geschrieben – das liegt allerdings inzwischen Dezennien zurück. Später fiel er durch seine intellektuell äußerst anspruchslose Apologetik der Techno-Bewegung auf – „Jeden verstehe ich, mit allem bin ich einverstanden, alles ist toll“ –, in den „Nullerjahren“, die er nun offenbar mit klapperndem Romanhandwerk in den Griff zu bekommen versucht, verdingte er sich als Schreiber für ein „Hochglanzmagazin“. Damit war Goetz endgültig am „Nullpunkt der Literatur“ angekommen: „Reichts denn schon, so bisschen am Nachtleben rumzuforschen und davon zu berichten? Vielen nicht, mir schon.“

Die Tatsache, daß er in seiner Magazin-Zeit auf dem Journalisten-Ticket Pressekonferenzen besuchen und in Untersuchungsausschüssen herumsitzen konnte, sowie die Bekanntschaft mit dem einen oder anderen „Hauptstadt-Journalisten“ mögen Goetz zu dem Fehlschluß verleitet haben, dadurch exclusive Einblicke in Politik und Wirtschaft erlangt zu haben. Schon in Klage hatte er vom „Geheimnis der Politik“ schwadroniert, von dem „alle“, die Politiker eingeschlossen, so wenig wüßten. Dankenswerterweise hat der Verlag eine eigene Internet-Seite zur Bewerbung des Romans Johann Holtrop eingerichtet, auf der sich auch der Aufbau des Buchs und eine Liste mit den „Personen der Geschichte“ finden. Wie Goetz sein „repräsentatives“ Personal zusammenzimmert und mit teilweise „sprechenden“ Namen versieht – es gibt einen Spiegel-Ressortchef Angst, einen „Finanzimpressario“ Mack aus Hannover, einen Philosophen Bodenhausen und einen Lord Weyenfeldt – ist nämlich ein derartiger Krampf, daß man die Idee, das Buch zu lesen, endgültig verwirft. Man könnte die Liste allenfalls unter dem Titel Von der Unmöglichkeit, einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit zu schreiben veröffentlichen.

Roman?

Es gibt vermutlich keine gesicherten empirischen Erkenntnisse darüber, ob die Käufer belletristischer Bücher wirklich so blöd sind, reflexartig und bevorzugt immer nach jenen Druckerzeugnissen zu greifen, auf denen „Roman“ steht. Die Verlage haben sich jedenfalls angewöhnt, so gut wie alles als Roman zu etikettieren, was in ungebundener Sprache verfaßt ist und den Umfang von etwa 100 Seiten übersteigt. Der Roman ist ein Konzept des 19. Jahrhunderts, das vom literarischen Modernismus im letzten Jahrhundert zur Explosion gebracht wurde. Seither kann ernsthaft nur noch mit den Trümmern gearbeitet werden, die nach dieser Explosion liegengeblieben sind. Das Konzept war, die Zeit und ihre geistigen Strömungen vermittels exemplarischer Figuren-Konstellationen abzubilden, was schon bei Dostojewskij zu höchst komplexen und umfänglichen Konstruktionen geriet. Daß konventionelle Romane noch immer als ernstzunehmende Auseinandersetzungen mit den gegenwärtigen Krisen, der „Globaliserung“ oder was auch immer durchgehen, beleuchtet in erster Linie das Niveau der Literaturkritik. Mit „interpersonal-interaktionistischen Geschichten“ (Jürgen Link) ist heute kein Staat mehr zu machen.

Der Karin Kramer Verlag ist gewiß unverdächtig, mit dem Etikett „Roman“ Jürgen Schneiders Buch potentiellen Käufern als Mainstream-Produkt unterjubeln zu wollen. Es muß damit also eine andere Bewandtnis haben. Schneider hat mit RMX einen 170-seitigen, mit zahllosen Fußnoten gespickten Text montiert, der sich hauptsächlich aus Mediensprache speist und sein Material also aus all den Zeitungen und Magazinen schöpft, die dazu gemacht sind, daß ihre Leser nichts über die Welt oder gar über politische Zusammenhänge erfahren. Es geht in diesen Bruchstücken um Modetrends, um die Kunstschickeria, um Boulevard-Prominenz, Pop, die gerade angesagten Philosopheme oder das oberflächliche Bild, das westliche Medien von der Demokratischen Volksrepublik Korea zeichnen. Lesend wird man in einen Strudel hineingezogen, so daß man bald schon nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht zwischen Christoph Blocher und Cindy Sherman.

Wenn ein Buch es heute unternimmt, die Gegenwart in Worte zu fassen, dann kann das überzeugend nicht mehr mit interpersonal-interaktionistischen Kolportagen geschehen. Dann muß es sich die Sprache der hegemonialen medialen Diskurse direkt vornehmen, so unappetittlich das auch manchmal sein mag. Und wenn diese Texte zerschnitten und dekontextualisiert vorgeführt werden, dann geben sie da und dort am Ende vielleicht doch das preis, was sie verbergen sollen. Bei der Lektüre von RMX ist man hin und hergerissen zwischen Ekel und Amusement. Virtous führt Jürgen Schneider durch eine Geisterbahn, in der es aber auch etwas zu lachen gibt und in der durch die unerwarteten Konfrontationen und Konstellationen immer wieder Erkenntnisse aufblitzen. In einem eher metaphorischen Sinne ist RMX vielleicht sogar ein Roman – oder präziser: Schneider hat eine ästhetische Strategie gefunden, die das leisten kann, was früher Romane geleistet haben und was all die Bücher nimmermehr leisten, die Geschichten von Bankern, Philosophen oder wem auch immer auftischen.