Bücher des Jahres (I): Walter Pilar

von florian neuner

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Zu den reizvollsten Aufgaben von Literaturzeitschriften zählt es zweifellos, literarische Großprojekte in ihrer Genese zu begleiten. Zu den eigensinnigsten darf man gegenwärtig Walter Pilars Lebenssee rechnen. Sebastian Kiefer spricht in seiner Rezension zutreffend davon, daß Pilar in seinem mehrbändigen »autoautopsischen Biograffäweak« sprachlich in Szene setzt, »wovon der Literaturbetrieb nur konsequenzlos redet – die Pluralisierung der schreibenden Zugänge zur Welt als Herausforderung anzunehmen. In 100 gewitzten Brechungen wird noch einmal ein Abglanz des Ganzen sichtbar.« Pilar hat erkannt, daß ein autobiographisches Projekt wie seines nach den Erfahrungen der Moderne nicht mehr mit den Roman-Mitteln des 19. Jahrhunderts umgesetzt werden kann (bzw. dann eben die ästhetische Irrelevanz eines solchen Textes zur Folge hätte) – und zieht auch in der »3. Welle« geradezu wahnwitzig viele Register, von in der Tradition der konkreten Poesie stehenden Texten und die Dialekte des Salzkammerguts aufnehmenden Lautdichtungen bis hin zu Verfahren der dokumentarischen Literatur.

Als ich Walter Pilar Anfang 2014 in seiner Lebenssee-Werkstatt in Linz besuchte, gab er tiefere und ehrlichere Einblicke in seine Arbeit, als man das gemeinhin erwarten darf. Das Material war noch in Bewegung, und längst nicht waren alle Fragen geklärt. Zur Vielfalt der Formen und Heterogenität der Materialien äußerte sich Pilar in dem in Heft 7 der IDIOME abgedruckten Werkstatgespräch wie folgt:

Welt kommt ja so daher! Es ist doch ungeheuer, was auf der Welt sich ereignet, was produziert wird, was alles in den Medien über ihre eigene, oft selbstverblendete Sicht der Welt so erscheint! Selbst innerhalb dieser regionalen Einheiten ist es ungeheuer bunt, was alles so daherflunkert und dahinflimmert. Da gibt es manchmal sprachliche oder visuelle Perlen von beeindruckender Originalität, und solche kommen auch vor, wenn sie in einen Erzählzusammenhang passen.

Im Frühjahr 2015 ist nun der 3. Lebenssee-Band erschienen – nicht gerade unbeachtet, aber doch weitaus weniger, als es einer Prosa-Großtat dieses Ranges zukäme.

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