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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

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Zu Protokoll (VI): »nichts ist saftig«

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Ich kann mich daran erinnern, daß die Erich Fried Tage in Wien in den neunziger Jahren ein hohes intellektuelles Niveau hatten. Ich entsinne mich beispielsweise eines eindrucksvollen, frei gehaltenen Vortrags des greisen Hans Mayer und einer kontroversen Diskussion mit Paul Hoffmann, wie raffiniert die Fried’sche Lyrik denn nun wirklich – im Vergleich zu Celan! – gebaut sei. Sie fand dann noch eine Fortsetzung in kleinem Kreis im Hotel Sacher, wo Hoffmann untergebracht war. Ich bezog damals Position für Celan und gegen Fried. Auch die Verleihung des Erich Fried Preises an Bodo Hell ist mir erinnerlich. Nun stolpere ich über eine Pressemitteilung zum diesjährigen Erich Fried Preis. Der Name des Ausgezeichneten tut nichts zur Sache. Er scheint ebenso wie die alleinige Jurorin Eva Menasse im gehobenen Unterhaltungsbereich tätig zu sein. Angesichts der »Jurybegründung«, die der Öffentlichkeit mitgeteilt wird, muß allerdings die Satire endgültig ihre Waffen strecken. Wollte man sinnentleertes Feuilletonisten-Dummsprech karikieren, man könnte es nicht besser machen als Menasse offenbar in vollem Ernst:

Die literarische Stimme von N.N. ist unverkennbar, einprägsam, eigen-artig im besten Sinn. Sie knackt vor staubtrockener Ironie, einer Ironie, die für mitteleuropäische Autoren ungewöhnlich ist. Nichts an seiner Sprache ist saftig, alles ist kühl und hochglanzpoliert, die Farben so schön klar wie aus dem Gefriertrockner. Es scheint die perfekte Sprache für Geschichten zu sein, die in sehr fremden Welten spielen, auf fernen Planeten, in einer Zukunft, in der sich eine vernünftige und durchrationalisierte Menschheit von allem befreit hat, was stört: Kriege, Krankheiten und Gefühle.

Nun gut, der Erich Fried Preis wurde inzwischen sogar schon an Judith Herrmann verliehen (die »Begründung« lese ich jetzt nicht nach). Und daß Eva Menasse nicht dazu in der Lage ist, sich einigermaßen qualifiziert über Literatur zu äußern, kann nicht verwundern bei einer Autorin, deren Selbstbewußtsein anscheinend umgekehrt proportional zu ihren literarischen Fähigkeiten ausgebildet ist. Der eigentliche Skandal ist, daß das niemandem aufzufallen bzw. zu stören scheint. Schlimmer geht es freilich immer noch: Während mir Erich Fried eigentlich egal ist, bin ich immer wieder fassungslos, an wen mit welchen Begründungen der Reinhard-Priessnitz-Preis verliehen wird – benannt nach einem der radikalsten Autoren seiner Zeit, der für die meisten Priessnitz-PreisträgerInnen nur Hohn übriggehabt hätte (wie man übrigens seinen literaturkritischen Schriften entnehmen könnte). Da hieß es doch einmal tatsächlich über eine Preisträgerin – auch ihr Name tut nichts zur Sache:

Schnörkellos und ohne viel Federlesen entfaltet N.N. ihren reichhaltigen Erzählkosmos. Die Schönheit der frischen und vibrierenden Sprache ist unauffällig. Eindringlich durchschimmert diese Sprache die geschilderten Ereignisse und offenbart experimentelle Überraschungen. In ihrer präzisen Prosa spielt N.N. mühelos mit bekannten Genres und verhandelt dabei große Menschheitsfragen.

Aber lassen wir das besser.

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Zu Protokoll (V)

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Eine Freundin machte mich kürzlich auf einen Artikel im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung aufmerksam, der sie ob der Plumpheit der Argumentation erschreckt und den sie in diesem »Qualitätsmedium« nicht erwartet hatte: Wir schreiben Ende Juli, das Sommerloch wird auch in den Feuilletons mit allerlei unnötigen Texten zum Anschlag von Nizza und – kurz darauf – den Amokläufen in Bayern geflutet. Bereits die Überschrift des Artikels von Willi Winkler ist an Dummdreistigkeit kaum zu überbieten: »Wie die Literatur den Terror erfand«.

»Erfunden« hat »den Terror« bekanntlich weder die Literatur noch irgendein Literat. Das ficht Winkler aber nicht an. Ihm genügt ein allbekanntes Zitat von André Breton für seine krude These:

(…) mit seinem »Zweiten surrealistischen Manifest« stellte Breton 1930 nicht nur der französischen Avantgarde einen Freibrief aus: »Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen.« Es hat funktioniert.

Was soll da »funktioniert« haben? Tatsächlich läßt sich Winklers Kommentar nur so lesen, als habe Breton zu Gewaltakten wie dem von Nizza aufrufen wollen und als hätte er sich gefreut und bestätigt gefühlt, wenn er die Anschläge von Paris und Nizza noch erleben hätte dürfen. Niemand wird das für eine diskussionswürdige These halten – außer Willi Winkler: Er entblödet sich nicht einmal, von einer »Lizenz zum Töten« zu sprechen – erteilt von André Breton! Zwar räumt er ein, daß der IS sich »kaum« (vielleicht ja doch?) auf den Franzosen berufen werde, aber:

(…) wie Breton verspricht sich der Terrorist einzig von der Gewalt das gewünschte Ergebnis, nämlich maßloses Aufsehen, Furcht und Schrecken, den reinen Terror.

Für den Literaturkritiker macht es also keinen Unterschied, ob jemand Dutzende Menschen tatsächlich um ihr Leben bringt oder ob ein terroristischer Akt in einem literarischen Text, und sei es einem Manifest, imaginiert wird. Zwar verfaßte Breton später auch noch ein Manifest »Für eine unabhängige revolutionäre Kunst« und trat gegen den Algerienkrieg auf. Von Gewaltverbrechen, für die man ihn verantwortlich machen würde, ist allerdings nichts bekannt geworden. Aber selbst wenn man – anders als Winkler – dazu in der Lage ist, fiktionale Texte von Tatsachen-Behauptungen zu unterscheiden: Nie und nimmer gibt es direkte kausale Verbindungen zwischen Verbrechen, die in Fiktionen imaginiert werden, und realen Straftaten. Nach jedem Amoklauf müssen Fachleute auf die diesbezüglichen aufgeregten Journalistenfragen geduldig erklären, daß es keine Beweise dafür gibt, daß Amokläufer durch den Konsum von gewaltverherrlichenden Computerspielen herangezüchtet würden.

Nähme man Willi Winkler ernst, man müßte sich auch Sorgen machen ob des nicht endenwollenden Booms an Kriminalliteratur. Der SZ-Feuilletonist, der Breton genauso wenig verstanden hat wie Dostojewskij, scheint sich diese Sorgen tatsächlich zu machen und schreibt:

Die Literatur, die Kunst insgesamt, schwärmt seit Fjodor Dostojewski für den Mörder, der damit zum modernen Heiligen erhoben wird.

Natürlich »schwärmt« Dostojewskij nicht für »den Mörder«. In seinen Romanen werden anhand exemplarischer Figuren moralische und ideologische Fragen sowie Handlungsoptionen diskutiert und problematisiert. Aber selbst die ganzen Trivial-Autoren, die den Buchmarkt mit ihren Krimis überschwemmen, würde man nicht mal dann ernsthaft dafür verantwortlich machen, sollte die Mordrate irgendwo steigen, wo ihre Bücher sich gut verkaufen. Angesichts von Literaturkritikern wie Willi Winkler erscheint der Niedergang der Printmedien und ihrer Feuilletons nicht als Drohung, sondern als Hoffnungsschimmer.

Zu Protokoll (IV)

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Nein, eine sensationelle Einsicht ist es gewiß nicht, auf die der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer in einem Anfang des Jahres in der Wiener Zeitung erschienenem Interview zu sprechen kam. Sehr verbreitet scheint sie bei seinesgleichen heute allerdings nicht mehr zu sein, wenn man sich vor Augen führt, wie weitgehend die Philologie inzwischen aus den Literaturwissenschaften entfernt und durch Cultural Studies ersetzt wurde. Neben hochfliegenden Thesen zum »Erscheinungsmodus des Gottes Dionysos« (Anlaß des Gesprächs ist Bohrers jüngstes Buch) erinnerte er sich:

Ich habe als Literaturkritiker begonnen und war nach meiner Promotion von der Literaturwissenschaft sehr enttäuscht. Der Grund war, dass sie an verschiedenen Themen der Literatur interessiert war, nicht aber an der Literatur selbst. Worüber man sprach – ob das Schiller oder Goethe war – es lief darauf hinaus, Ideenreferate vorzulegen, die sich auf den Sinngehalt der Dichtungen bezogen. Mir wurde jedoch bald klar – schon lange bevor die Dekonstruktion einsetzte -, dass Gedichte nicht aus Ideen bestehen, sondern aus Wörtern. Die Einsicht fand ich bei Mallarmé, der sie auf die Lyrik bezog, und sie schlug bei mir wie ein Blitz ein. Diese Einsicht habe ich auch für die literarische Prosa übernommen. Man kann sie nur adäquat erfassen, wenn man sich auf ihre Kohärenz, ihre spezifische Lautlichkeit und ihre geistige Metaphorik einlässt und sie nicht als eine Abbildung der Wirklichkeit versteht. Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Einsicht formuliert, dass die erhaben-pathetische Dichtung – für mich ein Synonym für große, relevante Dichtung – sich nicht auf mimetische Beschreibungen der Wirklichkeit reduzieren lässt.

Für die Versenkung

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Es gibt ihn noch, den literarischen Underground – wenn auch nicht unbedingt immer dort, wo irgendwelche Kneipenrebellen sich dafür halten. Otfried Rautenbach freilich darf für sich beanspruchen, mit PФRART, der »Zeitschrift für die Versenkung«, tatsächlich so etwas wie literarische Gegenöffentlichkeit zu organisieren. Die in seinem Heidelberger Verlag für Privatdrucke im 8. Jahrgang erscheinenden Hefte halten noch immer die Copy-Shop-Ästhetik hoch, welche die allermeisten Literaturzeitschriften bis in die neunziger Jahre prägte. Das ist erfrischend angesichts der vielen perfekt und glatt daherkommenden Zeitschriften, die selten so etwas wie ein inhaltliches Anliegen haben. Als Verleger erwarb Rautenbach sich schon in den sechziger Jahren mit dem Verlag Hagar große Verdienste. Dort erschienen Texte und Partituren u.a. von Schuldt und Michael von Biel, auch Gunter Falks Début Der Pfau ist ein stolzes Tier.

Im aktuellen Heft 14 hat Rautenbach Falks »Aufwartung« nachgedruckt – einen Text, der ausschließlich aus comicartigen Ausrufen wie »schnarch«, »poch«, »schmatz« und »quietsch« besteht. Er bringt aber auch Arbeiten von Peter Engstler, Andreas Hansen und Florian Neuner. Und wenn man in der »Zeitschrift für die Versenkung« auch auf IDIOME-Autoren wie Jörg Burkhard, Bert Papenfuß und Jürgen Schneider trifft, dann ist das kein Zufall.

PФRART ist für 2.–€ erhältlich im Verlag der Privatdrucke von Otfried Rautenbach, Handschuhsheimer Landstr. 92 B, 69121 Heidelberg.

Bücher des Jahres (IV): Elisabeth Wandeler-Deck

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Das neue Buch der Schweizer Sprachkünstlerin Elisabeth Wandeler-Deck, die mit einem Werkstattgespräch und zwei Prosatexten im Mittelpunkt der 8. Ausgabe der IDIOME steht, trägt den geheimnisvollen Titel Das Heimweh der Meeresschildkröten – die Autorin zögerte, wie sie selbst berichtet, und fand ihn dann doch unausweichlich. Wandeler-Decks autoreflexive Prosa überläßt sich durchaus der Eigenbewegung der Sprache. Und dennoch gibt es auch immer so etwas wie einen Widerpart zu diesem sprachimmanenten Ansatz, den man vielleicht als thematisch oder inhaltlich bezeichnen könnte – eine Fragestellung von außerhalb der Literatur, so etwas wie ein Forschungsinteresse. Im Falle ihres neuen Prosabandes standen ein Aufenthalt im niederösterreichischen Krems und ein daraus resultierendes Interesse am Donauraum ebenso Pate wie eine Oper von Annette Schmucki, der Widmungsträgerin des Buches, durch die Wandeler-Decks Leidenschaft für die Figur der Diva geweckt wurde. In den IDIOMEN Nr. 6 bereits konnten Leser Eindrücke von diesem »Donau-Diven-Projekt« gewinnen, aus dem 2015 ein Buch wurde. Zu ihrer Arbeitsweise sagte Elisabeth Wandeler-Deck im Werkstattgespräch:

Für die letzten zwei oder drei Prosabände habe ich Alphabete als Notizdateien angelegt. Ich verwende sehr verschieden geartete Notizdateien. Beim letzten Prosaband, beim vorletzten auch, habe ich Alphabete gemacht, Stichworte, wie wenn’s für ein Lexikon wäre – Wortmaterial, Satzmaterial, Wortfragmente, ganze Textversuche, aber auch Lexikalisches. Und das ergibt dann auch so ein Hin und Her am Text, der dann Text für das Buch wird oder für den kleineren Text, der sonstwo publiziert wird. Dieses Weitertreiben der Notizdatei – das werden eigentlich auch eigene literarische Formen , die ich einfach nie bis zur Publikationsreife weitergetrieben habe … Ansätze oder Anfänge, und bei den »Diven« sind das Stimme und Körper oder auch Sätze von Diven oder Donau-Sätze, weil die Donau vorkommt, ganz andere Arten von Stichwörtern. Vielleicht ist es bei der improvisierten Musik ähnlich.

Bücher des Jahres (III): Sebastian Kiefer

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Ulrich Schlotmanns 2009 erschienenes opus magnum Die Freuden der Jagd ist eines der faszinierendsten Sprachkunstwerke vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Die IDIOME haben nicht nur die Entstehung dieses Textes begleitet, in dem mit einem ganzen Universum an sprachlichen Schablonen und Sprechhaltungen das Thema Männlichkeitskonstruktionen umkreist wird. Auch wurden in den »Heften für Neue Prosa« Versuche gemacht, die Rezeption  dieses Hauptwerks zeitgenössischer reflexiver Prosa voranzutreiben. So waren in Heft 3 Notizen zur Schlotmann-Lektüre von Ann Cotten zu lesen, in Heft 7 folgte ein Essay von Sebastian Kiefer mit dem Titel »Der heitere Untergang des Erzählers im übermächtigen Material«. Dort heißt es über Schlotmanns Text:

Alles ist fantastisch bunt und zugleich nihilistisch zerbröselt. Es ist eine Welt der überbordenden Sinnfülle und naturhaften Lebensvielfalt der Redeweisen – aber auch eine Welt, in der papageienhaftes Dauerplap- pern jeden klaren Gedanken erstickt. Eine schier unbegrenzte Verfügungskraft über die Totalität des Materials ist am Werke, zugleich ist die Sprechproduktion ohnmächtig der Materialübermacht ausgesetzt. Das seiner welt- und stoffbeherrschenden Ordnungssouveränität (scheinbar) beraubte Produktions-Ich jauchzt, während es erschlagen oder dissoziiert wird, und lechzt nach mehr Material, nach tieferer Verstrickung. Die textdefinierte Produktionsinstanz badet mit kindlichem Genuß in der Materialmenge und irrt zugleich zwanghaft umher zwischen auftauchenden, aufgelesenen und einschießenden Sprachfetzen, Tönen, Nachklängen, Brechungen, Verbalmüll, weil es sich gleichsam ganz ›unvernünftig‹ das Leben schwer macht in seiner obsessiven Fixierung auf Zweitverwertung. Wiewohl jede poetologische Frage wird auch diese Rolle der Zweitverwertung im Text selbst in verschiedenen Varianten durchgespielt, teils in lustvoller Imitation von »theoretischer Selbstreflexion«, teils camoufliert und wortkabarettistisch.

Vom Umfang schon damals kaum zu bändigen und auf Zeitschriftenlänge zurechtzukürzen, wuchs sich Kiefers Schlotmann-Lektüre schließlich zu einem eigenen Buch aus – zu einer der raren Studien über ein Werk avancierter Prosa, dessen Erscheinen im Aisthesis Verlag unter dem Titel »Der Mann der in den Wald (hinein)geht …« in diesem Jahr begrüßt werden durfte.

Bücher des Jahres (II): Sabine Hassinger

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Mit Sabine Hassingers Die Taten und Laute des Tages ist im Klever Verlag eine »Prosakomposition« erschienen, die auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie mit einer reflexiven, klanglich und rhythmisch höchst kunstvoll gearbeiteten Prosa ein vielschichtiger Erzählzusammenhang adäquat gestaltet werden kann. Eine Vielzahl von Fäden entwickelt sich aus- und läuft ineinander, mehrere Perspektiven werden stets offen und präsent gehalten. Der Komplexität des »Beziehungsgeflechts« entspricht eine ebensolche sprachliche und erzählerische. In Heft 7 der IDIOME war im vergangenen Jahr ein Abschnitt aus Die Taten und Laute des Tages abgedruckt, den ich im Editorial wie folgt ankündigte – und dabei darauf hinweisen mußte, wie unglücklich die Rezeption dieses Prosaprojekts bisher sich abgespielt hatte:

Sabine Hassinger schlug eine fast beängstigende Welle an Unverständnis und Herablassung entgegen, als sie auf dem Klagenfurter Bachmann-Podium 2012 aus ihrem umfangreichen Prosa-Manuskript Die Taten und Laute des Tages las, das ausszugsweise in den IDIOMEN vorstellen zu können ich mich sehr freue. Es handelt sich um einen vielstimmigen Text, in dem mehrere narrative Ebenen kunstvoll und ohne aufdringlichen roten Faden ineinander geführt werden. In den achtziger Jahren hätte ein Literaturkritiker damit wahrscheinlich noch umgehen können. In Klagenfurt aber fiel einer der unsäglichen Jurorinnen zu dieser Prosa gleich die Literatur von Patienten des Landeskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Gugging ein, während eine Kollegin vom »Zeitmanagement« faselte, das es ihr nicht erlaube, sich mit komplizierter Literatur überhaupt erst zu befassen. Was hätte die versammelte Inkompetenz wohl gesagt, wenn Ingeborg Bachmann in der von ihr gehaßten Stadt aus Malina gelesen hätte?

Daß aus dem Manuskript ein Jahr später ein so lesen- und empfehlenswertes Buch werden konnte, erfreut!

Bücher des Jahres (I): Walter Pilar

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Zu den reizvollsten Aufgaben von Literaturzeitschriften zählt es zweifellos, literarische Großprojekte in ihrer Genese zu begleiten. Zu den eigensinnigsten darf man gegenwärtig Walter Pilars Lebenssee rechnen. Sebastian Kiefer spricht in seiner Rezension zutreffend davon, daß Pilar in seinem mehrbändigen »autoautopsischen Biograffäweak« sprachlich in Szene setzt, »wovon der Literaturbetrieb nur konsequenzlos redet – die Pluralisierung der schreibenden Zugänge zur Welt als Herausforderung anzunehmen. In 100 gewitzten Brechungen wird noch einmal ein Abglanz des Ganzen sichtbar.« Pilar hat erkannt, daß ein autobiographisches Projekt wie seines nach den Erfahrungen der Moderne nicht mehr mit den Roman-Mitteln des 19. Jahrhunderts umgesetzt werden kann (bzw. dann eben die ästhetische Irrelevanz eines solchen Textes zur Folge hätte) – und zieht auch in der »3. Welle« geradezu wahnwitzig viele Register, von in der Tradition der konkreten Poesie stehenden Texten und die Dialekte des Salzkammerguts aufnehmenden Lautdichtungen bis hin zu Verfahren der dokumentarischen Literatur.

Als ich Walter Pilar Anfang 2014 in seiner Lebenssee-Werkstatt in Linz besuchte, gab er tiefere und ehrlichere Einblicke in seine Arbeit, als man das gemeinhin erwarten darf. Das Material war noch in Bewegung, und längst nicht waren alle Fragen geklärt. Zur Vielfalt der Formen und Heterogenität der Materialien äußerte sich Pilar in dem in Heft 7 der IDIOME abgedruckten Werkstatgespräch wie folgt:

Welt kommt ja so daher! Es ist doch ungeheuer, was auf der Welt sich ereignet, was produziert wird, was alles in den Medien über ihre eigene, oft selbstverblendete Sicht der Welt so erscheint! Selbst innerhalb dieser regionalen Einheiten ist es ungeheuer bunt, was alles so daherflunkert und dahinflimmert. Da gibt es manchmal sprachliche oder visuelle Perlen von beeindruckender Originalität, und solche kommen auch vor, wenn sie in einen Erzählzusammenhang passen.

Im Frühjahr 2015 ist nun der 3. Lebenssee-Band erschienen – nicht gerade unbeachtet, aber doch weitaus weniger, als es einer Prosa-Großtat dieses Ranges zukäme.

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Im Editorial der IDIOME Nr. 8 schrieb ich, daß die dort publizierten Auszüge aus dem Konvolut »bauelemente zu dr. v. h.« der bislang publizierten Prosa Gunter Falks eine neue Facette hinzufügen würde – das träfe auch zu, wäre der Autor dieses Textes tatsächlich Gunter Falk. Zwar firmiert besagtes Konvolut im Österreichischen Literaturarchiv als Text Falks, sein Autor ist aber in Wahrheit Max Riccabona, mit dem Falk in brieflichem Austausch stand. Ich verdanke diesen Hinweis Paul Pechmann. Ich hätte das auch selbst wissen können, mißtrauisch werden müssen; im Weg stand mir dabei gewiß auch Autoritätsgläubigkeit einer Institution wie dem Österreichischen Literaturarchiv gegenüber, wo Falks Nachlaß seit 1999 als »aufgearbeitet« gilt und wo anscheinend niemand auf die Idee kam, daß diese Texte einen anderen Autor haben könnten. Während ich mir eingestehen muß, Gunter Falk bei meinen Bemühungen, seinem Nachruhm etwas nachzuhelfen, einen Bärendienst erwiesen zu haben, bleibt immerhin die Hoffnung, geneigte Leser könnten sich für das Werk beider viel zu wenig beachteter Autoren interessieren lassen.

Waltraud Seidlhofer zum 75. Geburtstag

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Waltraud Seidlhofer zählt zu den Autorinnen, die bereits in der allerersten Ausgabe der IDIOME vetreten waren und die Zeitschrift seither begleiten. Die 1939 in Linz geborene Schriftstellerin ist von der österreichischen Spielart der literarischen Neoavantgarde, der Wiener Gruppe und ihrem Umfeld, ebenso geprägt worden wie vom Nouveau Roman. In Heimrad Bäckers legendärer Linzer edition neue texte, damals eines der wichtigsten Foren für die deutschsprachige Avantgarde, veröffentlichte sie die Bände fassadentexte und geometrie einer landschaft. Ihr späteres Werk ist über diverse Kleinverlage verstreut, so erschienen in Christian Steinbachers Blattwerk Verlag in den neunziger Jahren ihr Prosa-Hauptwerk text: ein erinnern und ein Band mit ausgewählter Lyrik, der den schönen Titel anstelle von briefen trägt. Im Klever Verlag ist 2012 ihre Prosaarbeit Singapur oder Der Lauf der Dinge herausgekommen.

Als Lisa Spalt und ich für die 1. Ausgabe der IDIOME eine kleine Umfrage unter den Autorinnen und Autoren veranstalteten und sie den Satz „Prosa ist …“ vervollständigen ließen, bekamen wir die vielleicht schönste Antwort von Waltraud Seidlhofer:

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Im vergangenen Jahr war Waltraud Seidlhofer zu Gast in Berlin, wo sie am 30. April an der alljährlichen IDIOME-Veranstaltung in der Kulturspelunke Rumbalotte Continua teilnahm. Sie las dort ihren Text „wie ein fliessen die stadt“, der in Heft Nr. 6 abgedruckt ist und für ihre jahrzehntelange Beschäftigung mit Urbanistik und Architektur steht.

 

Gratulieren darf man Waltraud Seidlhofer heute nicht nur zu ihrem Geburtstag, sondern auch zum Georg Trakl Preis, den sie am 4. Dezember in Salzburg entgegennehmen wird. Manchmal – selten genug – trifft es die Richtigen und sogar eine Autorin, der es ausschließlich um die Sache geht und nicht um Wichtigtuerei im Literaturbetrieb.