Das schönste Buch des Jahres

von florian neuner

Im Dezember letzten Jahres hatte ich das große Glück, noch eine Woche vor seinem Tod von Peter O. Chotjewitz empfangen zu werden. Das Gespräch, das ich mit ihm an seinem Totenbett führen durfte, sollte sein letztes Interview werden. Auf meine abschließende Frage, an was er denn in den vergangenen Monaten gearbeitet hätte, erwähnte er eine Serie von Gedichten, die zum Teil in dem Band 49 VIPs enthalten sind, und ergänzte: »Ich habe eine Éducation sentimentale geschrieben, eine Darstellung, wie Gefühle – meine Gefühle – im Laufe der Jahrzehnte mich verändert haben. Wie sie entstanden sind, worauf sie gerichtet waren und welchen impact sie dann gehabt haben. Es ist auch ein Buch ein wenig über das Kiffen und das Saufen, weil logischerweise da auch ein großer Teil der Gefühle entstanden ist und auch wiederum reinvestiert worden ist.«

Ganz korrekt ist das nicht. Zwar hatte sich Chotjewitz gleich nach seiner Krebs-Diagnose vorgenommen, eine Autobiographie zu schreiben, das Projekt dann aber wieder fallengelassen. Drei Monate vor seinem Tod allerdings kam er darauf wieder zurück und erzählte sein Leben dem Frankfurter Journalisten und Autor Jürgen Roth, dessen Transkript er noch redigieren konnte. Der unnötig reißerische Titel Mit Jünger ein‘ Joint aufm Sofa, auf dem schon Goebbels saß sollte einen auf gar keinen Fall abschrecken! Das Sofa stand oder steht in der Villa Massimo in Rom und spielt auf eine der Episoden an, die zum anekdotischen Kolorit der Chotjewitz’schen Erinnerungen zählen. Neben Rom sind Berlin, Nordhessen, Köln und Stuttgart Dreh- und Angelpunkte dieser Biographie, die nicht zuletzt deshalb in dieser Ausführlichkeit erzählenswert ist, weil Chotjewitz mit seiner Literatur immer auf die Zeitläufte, aber auch auf seine jeweilige private Lebenssituation reagierte: auf das Leben im Westberlin der sechziger Jahre mit der Insel oder mit Mein Freund Klaus auf den von Verdummung und Verdrängung geprägten Diskurs über die Rote Armee Fraktion – Zusammenhänge, die dem Leser der Fast letzten Erzählungen, dieser großen Collage als intellektuelle Autobiographie, vertraut sind. Chotjewitz sagt: »Ich habe einen großen Teil meines Lebens so erlebt, daß ich mir schon während des Erlebnisses vorgestellt habe: Darüber werde ich vielleicht mal was schreiben, das kann man vielleicht mal brauchen.« Und er fügt hinzu: »Ihr werdet, falls ihr mal meine Bücher lesen solltet, feststellen, daß sich vieles, was ich geschrieben habe, aus meiner Biographie ableitet.«

Jürgen Roth ist es gelungen, einen gut lesbaren Text herzustellen, der mit seinen mäandernden Abschweifungen die gesprochene Sprache gleichwohl nicht verleugnet. Dahinter steht ein Schriftsteller, der über Jahrzehnte eine so kompromißlose wie unkorrumpierbare Haltung bewiesen hat, mit der er im deutschen Literaturbetrieb fast ganz allein auf weiter Flur steht – der in den sechziger Jahren als »spätbürgerlicher Schriftsteller« beschimpft wurde und dann später »zu links für den Betrieb« war. Beirren hat er sich davon nie lassen, lange Zeit finanziell abgesichert durch die sprudelnden Tantiemen seiner vielgespielten Dario-Fo-Übersetzungen. So blickt Chotjewitz entspannt zurück, ohne an der einen oder anderen Stelle mit deutlichen Worten für den jeweils hegemonialen Diskurs über Literatur zu sparen, etwa anläßlich seiner Begegnung mit der Gruppe 47: »Da saßen jetzt diese Bettnässer, die nichts so sehr haßten wie das literarische, politische Experiment.« Nicht umsonst erscheinen hier literarisches und politisches Experiment in eins gesetzt. Wie Peter O. Chotjewitz beides zu unterschiedlichen Zeiten mal zusammenzubringen vermochte und mal nicht, mal als untrennbar und mal als antagonistisch erlebte, bleibt das Herausfordernde dieses Werks.

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