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IDIOME – Neue Prosa im Netz | Florian Neuner

Tag: Roman

Roman?

Es gibt vermutlich keine gesicherten empirischen Erkenntnisse darüber, ob die Käufer belletristischer Bücher wirklich so blöd sind, reflexartig und bevorzugt immer nach jenen Druckerzeugnissen zu greifen, auf denen „Roman“ steht. Die Verlage haben sich jedenfalls angewöhnt, so gut wie alles als Roman zu etikettieren, was in ungebundener Sprache verfaßt ist und den Umfang von etwa 100 Seiten übersteigt. Der Roman ist ein Konzept des 19. Jahrhunderts, das vom literarischen Modernismus im letzten Jahrhundert zur Explosion gebracht wurde. Seither kann ernsthaft nur noch mit den Trümmern gearbeitet werden, die nach dieser Explosion liegengeblieben sind. Das Konzept war, die Zeit und ihre geistigen Strömungen vermittels exemplarischer Figuren-Konstellationen abzubilden, was schon bei Dostojewskij zu höchst komplexen und umfänglichen Konstruktionen geriet. Daß konventionelle Romane noch immer als ernstzunehmende Auseinandersetzungen mit den gegenwärtigen Krisen, der „Globaliserung“ oder was auch immer durchgehen, beleuchtet in erster Linie das Niveau der Literaturkritik. Mit „interpersonal-interaktionistischen Geschichten“ (Jürgen Link) ist heute kein Staat mehr zu machen.

Der Karin Kramer Verlag ist gewiß unverdächtig, mit dem Etikett „Roman“ Jürgen Schneiders Buch potentiellen Käufern als Mainstream-Produkt unterjubeln zu wollen. Es muß damit also eine andere Bewandtnis haben. Schneider hat mit RMX einen 170-seitigen, mit zahllosen Fußnoten gespickten Text montiert, der sich hauptsächlich aus Mediensprache speist und sein Material also aus all den Zeitungen und Magazinen schöpft, die dazu gemacht sind, daß ihre Leser nichts über die Welt oder gar über politische Zusammenhänge erfahren. Es geht in diesen Bruchstücken um Modetrends, um die Kunstschickeria, um Boulevard-Prominenz, Pop, die gerade angesagten Philosopheme oder das oberflächliche Bild, das westliche Medien von der Demokratischen Volksrepublik Korea zeichnen. Lesend wird man in einen Strudel hineingezogen, so daß man bald schon nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht zwischen Christoph Blocher und Cindy Sherman.

Wenn ein Buch es heute unternimmt, die Gegenwart in Worte zu fassen, dann kann das überzeugend nicht mehr mit interpersonal-interaktionistischen Kolportagen geschehen. Dann muß es sich die Sprache der hegemonialen medialen Diskurse direkt vornehmen, so unappetittlich das auch manchmal sein mag. Und wenn diese Texte zerschnitten und dekontextualisiert vorgeführt werden, dann geben sie da und dort am Ende vielleicht doch das preis, was sie verbergen sollen. Bei der Lektüre von RMX ist man hin und hergerissen zwischen Ekel und Amusement. Virtous führt Jürgen Schneider durch eine Geisterbahn, in der es aber auch etwas zu lachen gibt und in der durch die unerwarteten Konfrontationen und Konstellationen immer wieder Erkenntnisse aufblitzen. In einem eher metaphorischen Sinne ist RMX vielleicht sogar ein Roman – oder präziser: Schneider hat eine ästhetische Strategie gefunden, die das leisten kann, was früher Romane geleistet haben und was all die Bücher nimmermehr leisten, die Geschichten von Bankern, Philosophen oder wem auch immer auftischen.

Das “Papier für neue Texte” entdeckt die Prosa

Die Leipziger Literaturzeitschrift Edit widmet ihre Frühjahrsausgabe ganz der Prosa und versucht das dem Leser als ungewöhnliches Konzept zu verkaufen. Warum über Prosa als Gattung geschwiegen werde, fragt sich die Redaktion: „Warum scheint es hier – anders als in der Lyrik – keinen Bedarf zur Selbstreflexion zu geben?“ – und liefert die Antwort gleich unfreiwillig mit, wenn sie berichtet: „Manche hatten wegen Romanarbeiten keine Zeit sich mit Prosa auseinanderzusetzen oder erklärten sich schlicht nicht für ernsthaft genug.“ Wer zeitgenössische Prosa vornehmlich als Romanproduktion begreift, der wird eben nicht auf die Autorinnen und Autoren stoßen, für die das Schreiben von Prosa eine autoreflexive Tätigkeit ist. Andererseits würden die Romanciers, für deren Produkte in der Prosa-Ausgabe der Edit in bezahlten Anzeigen geworben wird, vielleicht derartige Romane gar nicht schreiben, fänden sie nur die Zeit, sich mit Prosa auseinanderzusetzen, oder widmeten sie sich ihrem Handwerk ernsthafter.

Daß die Edit-Redaktion ihre Diagnose, zeitgenössische Prosa-Autoren vermieden eine poetologische Reflexion ihres Tuns, nicht aufrechterhalten hätte können, hätte sie den „Heften für Neue Prosa“ Beachtung geschenkt (die schon in ihrer 1. Ausgabe eine Umfrage zum Thema „Prosa ist …“ enthielten, wie sie jetzt auch die Leipziger präsentieren), sei nur am Rande vermerkt. Da wir nicht glauben, daß die Redaktion vor einer kleinen Internet-Recherche zum Thema zurückgeschreckt ist, die sie auf diese Hefte ja aufmerksam machen hätte müssen, wird es daran liegen, daß man sich dort nicht oder nur am Rande für eine avancierte Prosa als Sprachkunst interessiert. Dafür spricht auch, daß Autoren, die man dem wie auch immer weiteren Umfeld der IDIOME zurechnen könnte (Lisa Spalt beispielsweise oder Martin Lechner) in der Edit nur eine untergeordnete Rolle spielen. So vergleicht Nora Bossong das Verhältnis von Prosa und Film mit dem zwischen Bahn und Flugzeug, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Nur weil es das Flugzeug gibt, braucht die Bahn nicht verschrottet zu werden.“ In ihrem an Platitüden reichen Text lesen wir auch: „Ein Roman ist mehr als Narration, Handlung, Abfilmbares.“ – nämlich „Sprache“. Wer hätte das gedacht?

Nun sind nicht alle Beiträge so platt wie der von Nora Bossong. Aber nur mit dem Paradigma heutiger marktgängiger Romane als unhinterfragte Folie läßt sich wohl verstehen, warum Tobias Hülswitt gegen das „lineare Erzählen“ anschreiben zu müssen glaubt – ein Kampf gegen eine Windmühle, wenn man modernistische Traditionen in der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht vollends ignoriert. Seltsam auch, daß Thomas von Steinaecker sich von einer „formalistischen“ Literatur abgrenzen zu müssen glaubt, als wäre er in den fünfziger Jahren vom Schriftstellerverband der DDR zum Rapport einbestellt. Diese lasse die Radikalität, die sie bei der „Sprachbearbeitung“ (sic!) an den Tag lege, „im Fabulieren“ vermissen – eine Opposition, die so wenig einleuchtet wie Steinaeckers ungeschickt als „formal-fabulierendes Konzept“ bezeichneter vermeintlicher dritter Weg. Aseptische Experimente um des Experimentierens willen, findet man – wenn überhaupt – doch eher in der Lyrik. Und erfreut die Prosa eines Paul Wühr oder ein Roman wie Jürgen Links Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee mit seinen Simulationen nicht mit ungleich mehr Fabulierlust als der zeitgenössische Mainstream-Roman mit einem Plot à la „M. hat sich das Leben genommen. Ihr Selbstmord führt ihre Zwillingsschwester und deren Lebensgefährten an den Ort der gemeinsamen Kindheit in die süddeutsche Provinz“?

Man könnte sich auch fragen, warum Norbert Hummelt sich wortreich dafür rechtfertigt, bisher noch keinen Roman geschrieben zu haben und darüber wundern, daß Sabine Scholl sich mit einem sympathischen Plädoyer für kleine Formen als Gegengift zum „großen Roman“ vernehmen läßt, obwohl sie selbst in jüngster Zeit mit zwei Romanen hervorgetreten ist. Und wenn Ilma Rakusa und Ferdinand Schmatz sich darin einig sind, daß Prosa eine „Feier der Sprache“ sein soll, dann klingt das doch etwas zu bombastisch. Daß man sich auch mit Büchern von Nanni Balestrini, Ronald Pohl oder Ulrich Schlotmann beschäftigen könnte, darauf verweist immerhin eine Art Sammelrezension von Tobias Amslinger, das Prosa-Sonderheft beschließend.

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